Gewalt an Schulen: auch Folge von Vereinsamung, Entsolidarisierung, Egoismus, Rechtspopulismus und der prekären sozialen Lage

Carsten Piechnik

Gewalt an Schulen: Interview örtlichem GEW-Vorstand

Carsten Piechnik.

Carsten Piechnik.

Foto: Ralph Bodemer

Herne. Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gehören zu über 60 Prozent Lehrer an.

Die WAZ sprach mit dem örtlichen GEW-Vorstand Carsten Piechnik rund um das Thema Gewalt an Schulen.

Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die Situation dar?

Piechnik: Gewalt an Schulen ist sicherlich für die Betroffenen wegen der Heftigkeit der Ereignisse ein äußerst schlimmes und bedeutsames Geschehnis. Bei der Einschätzung fehlt aber meist die Sicht auf die großen Zusammenhänge und Ursachen. Werte und Normen in der Gesellschaft insgesamt verändern sich – dies wird dann auch in Schulen „gespült“.

An welche Faktoren denken Sie?

Ich meine damit Tendenzen von Vereinsamung, Entsozialisierung, Egoismus, Rechtspopulismus, aber auch die prekäre soziale Lage, in die immer mehr Familien und Kinder geraten und die steigende Zahl von Kindern aus einem erziehungsschwachen Umfeld. Hier ist zu fragen, welche Antworten wir im Schulsystem geben und geben wollen. Tatsächlich hat sich aus meiner Sicht im Bildungssystem seit dem Pisa-Schock vor mehr als 15 Jahren ein Wandel vollzogen. Schule wird heute stärker in wirtschaftlichen Zusammenhänge eingebunden.

Die Vielzahl von Leistungsmessungen wie Lernstandserhebungen oder zentrale Prüfungen, haben zu mehr und dichterem Unterrichtsstoff und eingeschränkten Wahlmöglichkeiten von Unterrichtsfächern geführt. Betont hat man indes die MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik. Doch weder zentrale und vermehrte Prüfungen noch eine verstärkte Digitalisierung sind meines Erachtens Antworten auf die anstehenden Probleme.

Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung denn dann auf die Schüler?

Wir erleben, dass viele Kinder und die Familien Unterstützung bräuchten. Die Bandbreite reicht von Verwahrlosungstendenzen bis hin zu Überbehütung. Die Folgen sind unter anderem völlige Entgrenzungen, Autoaggressionen, Ess- und Schlafstörungen, fehlende Selbstkonzepte, Suizid- oder Drogengeschichten und Orientierungslosigkeit, was „richtig“ und „falsch“ oder auch „gut“ und „böse“ ist.

In diesem Zusammenhang ist Gewalt e i n Faktor. Der Ansatz, derlei Gesellschafts- und Lebens- Probleme an einzelne, zeitlich oft völlig überforderte Sozialpädagogen oder außerschulischen Beratungsstellen, die bis zu einem Jahr Wartezeiten haben, zu delegieren, greift meiner Meinung nach wesentlich zu kurz.

Will man sich tatsächlich dem Problem von Gewalt an Schulen stellen, muss man grundsätzlich nach anderen Lösungen suchen und Schule insgesamt verändern.

Es gibt eine interessante Untersuchung des Falken Bildungs- und Freizeitwerks NRW mit dem Titel „Gewalt in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit“. Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass nicht Jugendzentren die zentralen Orte der Gewalthandlungen und Gewalterfahrungen sind, sondern der öffentliche Raum und die Schule. Im Vergleich zur Herner Studie „UWE“ von Professor Strohmeier ( auf der Seite des Herner Sozialforums abgreifbar ) zeigt diese Untersuchung, dass die befragten Jugendlichen, die die Einrichtungen der Jugendarbeit nutzen, in den sozialpädagogischen Fachkräften „Vertrauenspersonen“ (92 %)  sehen. Im schulischen Raum bezüglich der LehrerInnen sind es 33 %.

 

 

(aus der Beschreibung des Verlags)

Gewalt in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Ausgewählte Ergebnisse eines empirischen Forschungsprojektes
Zusammenfassung

Arne Schäfer, Theo Schneid und Renate Möller berichten über ausgewählte Ergebnisse eines empirischen Forschungsprojektes, das Gewalt in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit untersucht hat. Junge Besucher/innen von Jugendzentren wurden dazu nach ihren Gewalthandlungen und Gewalterfahrungen in den Lebensbereichen Jugendzentrum, Straße, Schule und Familie befragt. Bei der Befragung ging es außerdem um das Verhältnis der Jugendlichen zu den Sozialarbeiter(inne)n, um Möglichkeiten der Mitbestimmung und um Hilfsangebote für junge Menschen in Jugendzentren. Die Forschungsgruppe interessiert in diesem Beitrag insbesondere die Frage, an welchen Orten Jugendliche hauptsächlich Gewalt ausüben und ob sie in Jugendzentren eine höhere oder eine geringere Gewaltbelastung als an anderen Orte erfahren. Sie kommt zu dem Befund, dass die Gewaltbereitschaft in der Schule prozentual deutlich höher ist als in Jugendzentren. Insgesamt sprechen die Forschungsergebnisse für einen positiven Sozialisationseffekt der Jugendhäuser.

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