„Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut…“ – Herne gehört auch dazu: 4.339 Herner Vollzeitbeschäftigte haben weniger als 1.500 Euro netto

Zur Entwicklung des Niedriglohnbereichs in der Stadt Herne

In 14 Jahren 86 Prozent mehr „Zweitjobber“ in Herne

Die hier vorlegten Zahlen sind einer Antwort der Bundesregierung entnommen, auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Susanne Ferschl, Fraktion DIE LINKE, BT-Drs. 19/05340. Außer durch Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung geraten viele Menschen in Deutschland durch niedrige Löhne in soziale Not und werden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Soziale Not und Abstiegsängste wiederum werden zunehmend auch als mit ursächlich für die gestiegene politische Radikalisierung, Hass auf Ausländer und Flüchtlinge angesehen.

Erst am 1.2. 09.2018 hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Rahmen einer Studie auf Umfragebasis festgestellt, dass eine überwältigende Mehrheit der Befragten untere Arbeitseinkommen als zu niedrig wahrnimmt. Das DIW stellt fest: „Sollen die Menschen in Deutschland das Gefühl bekommen, dass es gerechter zugeht, sind die niedrigen Arbeitseinkommen auf jeden Fall ein prioritäres Handlungsfeld. “ (vgl. DIW, Niedrige Löhne empfindet die große Mehrheit als ungerecht, Pressemitteilung vom 12. 09. 2018)

Eine wichtige Größe, um festzustellen, wie sich der Niedriglohnsektor, dessen Bedeutung laut Bundesagentur für Arbeit „seit 1999 merklich zugenommen hat“, in Deutschland entwickelt, ist die sogenannte Niedriglohnschwelle (Bundesagentur für Arbeit, Bericht der Statistik der BA, November 2010, Beschäftigungsstatistik. Sozialversicherungspflichtige Bruttoarbeitsentgelte).

Als Geringverdiener gilt laut Bundesagentur für Arbeit „wer als sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigter weniger als 2/3 des Medianentgelts aller sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten erzielt (Niedriglohnschwelle). “

Der Medianverdienst ist jener Bruttoverdienst, welcher die Arbeitnehmer in zwei gleich große Gruppen einteilt. Die eine Hälfte verdient weniger und die andere Hälfte mehr als den Medianverdienst. Während die Verdienststrukturerhebung des Statistischen Bundesamts nur alle vier Jahre Auskunft über die Niedriglohnschwelle gibt, ermöglicht die Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit jährlich zum Stichtag 31. 12. die Berechnung einer Niedriglohnschwelle.

Aus der Antwort der Bundesregierung:

Zum Stichtag 31.12.2017 gab es in Deutschland 21,95 Millionen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte (ohne Auszubildende), das waren 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Ende Dezember 1999 lag die Zahl bei 21,61 Millionen.

Das Medianentgelt der Vollzeitbeschäftigten der Kerngruppe lag zum Stichtag 31.12.2017 in Deutschland bei 3.209 Euro. Im Jahr 1999 lag es bei 2.326 Euro (Steigerung um 38 Prozent).

Für Frauen lag das Medianentgelt bei 2.920 Euro, für Männer bei 3.372 Euro.

Nach beruflicher Klassifikation lag das Medianentgelt für Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung bei 2.425 Euro, für Beschäftigte mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung bei 3.096 Euro und für Beschäftigte mit einer akademischen Ausbildung bei 5.013 Euro.

Der Niedriglohn (2/3 Drittel des Medianentgelts) beträgt 2.139 Euro. 4,17 Millionen bzw. 19,8 Prozent der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten der Kerngruppe gehören zu dieser Verdienstgruppe. Das waren in Deutschland zum Dezember 2017 4.166.936 Beschäftigte von insgesamt 21.069.446 Beschäftigten in der Kerngruppe.

Die Niedriglohnschwelle stieg in Deutschland von 1.551 Euro (1999) auf 2.139 Euro (2017). Das macht nach der heutigen Lohnsteuertabelle und den SV-Prozentsätzen ein Nettogehalt von 1.436 Euro.

Zum Stichtag 31.12.2019 gab es in Deutschland 2,80 Millionen im Nebenjob geringfügig Beschäftigte. Das waren 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Ende Dezember 2003 betrug diese Zahl 1,23 Millionen.

Zahlen für Herne:

Das Medianentgelt in Herne betrug Ende Dezember 2017 3.295 Euro. Ende Dezember 1999 lag das Medianentgelt in der Stadt Herne bei 2.467 Euro. D.h. in den vergangenen 18 Jahren stieg das Medianentgelt in Herne um 33,6 Prozent, um 4,4 Prozent unter dem bundesweiten Anstieg.

In den Nachbarstädten lag das Entgelt bei: Bochum 3.273 Euro, Gelsenkirchen 3.242 Euro, Dortmund 3.315 Euro und Essen 3.451 Euro. In den Metropolen in der Rheinschiene lag der Wert in Düsseldorf bei 3.882 Euro und in Köln 3.696 Euro. Die Bankenstadt Frankfurt am Main weist einen Wert von 4.182 Euro auf.

Die Anzahl der Niedriglöhner in Herne betrug Ende Dezember 2017 15,5 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten der Kerngruppe, in absoluten Zahlen 4.339 Beschäftigte. Bundesweit betrug dieser Anteil 19,8 Prozent und in NRW 17,1 Prozent.

Ende Dezember 1999 betrug die Zahl 4.062 Beschäftigte oder 13,8 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten der Kerngruppe. D.h. in den vergangenen 18 Jahren stieg die Anzahl der Beschäftigten in diesem Niedriglohnbereich um 6,8 Prozent.

Während der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnbereich der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten der Kerngruppe mit einem anerkannten Berufsabschluss und einem akademischen Berufsabschluss seit 2010 fast gleich geblieben ist, nahm der Anteil der Betroffenen ohne Berufsabschluss von 32,5 auf 39,6 Prozent zu.

Ausschließlich geringfügige Beschäftigte waren zum Zeitpunkt Dezember 2017 in Herne 7.734 Menschen, im Vergleich zum Dezember 2010 mit 8.457 ausschließlich geringfügig Beschäftigten (Abnahme um 8,5 Prozent).

Im Nebenjob geringfügig Beschäftigte zählt man zum Dezember 2017 in Herne 2.759 Beschäftigte, im Vergleich zu 1.482 Beschäftigten im Monat Dezember 2003. Das entspricht einer Zunahme um 86, 2 Prozent. Eine Untersuchung der Bundesagentur hat ergeben, dass diese Zweitjobber in der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Durchschnitt 570 Euro weniger verdienen.

zusammengestellt Norbert Kozicki Dipl.Soz.Wiss.

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