Minijobben bis zur Rente Ältere sollen immer länger arbeiten. Doch die meisten halten sich bis zur Pension mit prekären Jobs über Wasser.

Minijobben bis zur Rente

Ältere sollen immer länger arbeiten. Doch die meisten halten sich bis zur Pension mit prekären Jobs über Wasser
Von Susan Bonath (Quelle: junge welt)

Die Rente mit 65 ist Geschichte. Das Eintrittsalter steigt in den kommenden zwölf Jahren auf 67, aktuell liegt es bei 65 Jahren und acht Monaten. Wer früher aus der Lohnerwerbsmühle aussteigt, bekommt Abzüge. Doch die Bundesregierung bejubelt ihre Kürzungspolitik in ihrem »Dritten Bericht zur Anhebung der Regelaltersgrenze«, den sie Ende 2018 vorlegte: »Die Erwerbsbeteiligung der älteren Arbeitnehmer hat sich in den vergangenen Jahren ausgesprochen dynamisch entwickelt«, heißt es. Habe im Jahr 2000 nur jeder fünfte 60- bis 64jährige sozialversicherungspflichtig gearbeitet, sei es 2017 bereits mehr als die Hälfte aus dieser Altersgruppe gewesen: 2,1 Millionen. Doch die Zahlen trügen, wie jetzt eine 68seitige Antwort der Bundesregierung an den Grünen-Abgeordneten im Bundestag, Markus Kurth, ergeben hat, die jW vorliegt. Zuerst berichtete die Süddeutsche Zeitung am Mittwoch darüber.

Zwar gibt es demnach immer mehr ältere Berufstätige. Die übergroße Mehrheit allerdings steckt in einem atypischen Arbeitsverhältnis. Mehr als zwei Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiteten lediglich in einem Teilzeitjob. Die Zahl der Minijobber zwischen 55 und 65 Jahren stieg von 2013 bis 2018 von rund 1,3 auf mehr als 1,5 Millionen. Als arbeitslos zählten durchgängig etwa eine halbe Million Menschen dieser Altersgruppe. Mit zunehmendem Alter sinkt die Erwerbsquote den mitgelieferten Statistiken zufolge weiterhin drastisch. Mit 64 Jahren waren lediglich noch 360.000 Menschen berufstätig oder offiziell arbeitssuchend. Weniger als ein Drittel der als beschäftigt Erfassten dieser Altersgruppe hatte einen Vollzeitarbeitsplatz, über die Hälfte jobbte jedoch geringfügig.

Von 2013 bis 2018 stieg die Zahl der 64jährigen Minijobber um mehr als 23 Prozent auf 154.000. Viele von ihnen sind vor dem Renteneintritt zusätzlich auf Hartz IV angewiesen. Zuletzt stockten nach Angaben der Bundesregierung rund 200.000 über 55jährige ihr geringfügiges Einkommen mit dieser Leistung auf. Insgesamt hatte die Bundesagentur für Arbeit (BA) zuletzt mehr als eine dreiviertel Million über 55jährige als »unterbeschäftigt« erfasst. Im Jahresdurchschnitt 2018 war nach ihrer Rechenmethode mehr als jeder vierte Arbeitslose älter als 55 Jahre. Nicht eingerechnet sind dabei allerdings Bezieher von Krankengeld, kurzfristig krank oder gar nicht bei der BA gemeldete ältere Erwerbslose.

Die Zahl der neuen Rentenanträge wegen Erwerbsminderung blieb unterdessen zwischen 2012 und 2018 konstant bei rund 350.000. Bewilligt wurde davon zuletzt die Hälfte ganz oder teilweise, sechs Jahre zuvor waren es noch 55 Prozent. Außerdem räumte die Bundesregierung ein, dass im Jahr 2017 fast jeder vierte Neurentner vorzeitig mit Abschlägen in den Ruhestand eintrat. In Ostdeutschland betraf dies sogar jeden dritten, bei den Frauen 40 Prozent.

Freuen kann sich nur, wer im Alter von inzwischen 63 Jahren und acht Monaten 45 Arbeitsjahre hinter sich gebracht hat. Für diese Gruppe wurde auf Druck der SPD vor fünf Jahren die sogenannte »Rente mit 63« eingeführt, das Eintrittsalter steigt jedoch auch hier langfristig bis auf 65. Forscher des Ifo-Instituts schürten am Dienstag Panik: Allein für 2014 bis 2016 seien die Kosten mehr als doppelt so hoch wie geplant ausgefallen. Das Bundesarbeitsministerium, damals unter Andrea Nahles, hatte mit fünf Milliarden Euro gerechnet.

Das Fazit liegt für den Grünen-Politiker Kurth auf der Hand: »Trotz steigender Beschäftigungszahlen bleibt das sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnis in den rentennahen Jahrgängen ein Minderheitenmodell«, erklärte er in einer am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung. Eine nicht altersgerechte Arbeitswelt stehe im Widerspruch zum steigenden Eintrittsalter. Dabei, so Kurth, seien »gerade die letzten Jahre vor dem Übergang in den Ruhestand nicht unwichtig für die Höhe des späteren Alterseinkommens«. Minijobs und Teilzeitstellen könnten dabei »empfindliche Lücken reißen«. Er plädierte für besondere Instrumente dagegen, wie Teilrenten ohne Abschläge für besonders belastete Beschäftigte.

Die Zusammenfassung von Markus Kurth (MdB, Bündnis90-Die Grünen):

190207_Auswertung_der_Kleinen_Anfrage_zur_Rente_mit_67

 

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