Junge Hartz-IV-Empfänger: Leben in Angst vor dem Amt, wo man als Kunde bezeichnet wird.

3. März 2019 Quelle: Süddeutsche Zeitung

Junge Hartz-IV-Empfänger

Leben in Angst vor dem Amt

Soll man Arbeitslose unter 25 Jahren besonders streng sanktionieren? Darüber streitet die Politik. Betroffene erzählen von Demütigungen und ständigem Druck.

Von Bernadette Mittermeier

Als der Vermittlungsvorschlag kam, dachte Markus, es handele sich um einen Witz. Im Brief der Arbeitsagentur stand, er solle sich auf eine Stelle als Verkäuferin bei einem Kosmetikgeschäft bewerben. „Verkäuferin“, ohne Schrägstrich oder „m/w“. Markus ignorierte die Aufforderung, obwohl er auf der Suche nach Arbeit war, und trotz der Drohung auf der Rückseite. Dort stand genau aufgelistet, was passieren würde, wenn er seinen Pflichten nicht nachkommt: Das Arbeitsamt kann ihm schon beim ersten verpassten Stellenangebot Geld streichen. Markus verstand die Klauseln und das Juristendeutsch nicht.

Die Drohung wurde schnell wahr. Wenige Tage später hatte Markus einen weiteren Brief im Postfach und 30 Prozent weniger Geld auf dem Konto, für drei Monate gekürzt. „Ich war verwirrt und fühlte mich im Stich gelassen“, erzählt er. Dabei hatte Markus im Vergleich sogar noch Glück.

Er war zu dem Zeitpunkt jünger als 25, und die Regeln sind für junge Arbeitslose wie ihn deutlich strenger als für ältere. Bereits beim ersten Verstoß kann der komplette Regelsatz gestrichen werden, ab dem zweiten auch Miete, Strom und Heizung. Für Lebensmittel gibt es dann nur noch Gutscheine.

Viele andere junge Hartz-IV-Empfänger berichten von solchen Sanktionen. Eine junge Frau erzählt der SZ, dass sie irgendwann aus Angst keine Briefe mehr öffnete, sondern sie verschlossen in Schubladen versteckte. Erst konnte sie ihre Handyrechnung nicht mehr zahlen. Dann wurde der Strom abgestellt. Sie musste zurück zu ihren Eltern ziehen. Ein anderer durfte gar nicht erst ausziehen. Bei Arbeitslosen unter 25 entscheidet das Amt manchmal, keine Miete zu bezahlen, wenn sie bei ihren Eltern wohnen können. Auch bei ihm stapelten sich irgendwann die Briefe. Er hatte Depressionen und konnte sich nicht aufraffen, zum Postfach zu gehen.

Direkt zitiert werden möchten die beiden nicht – aus Scham. Und aus Angst, ein Sachbearbeiter könne ihren Fall wiedererkennen und ihnen Probleme bereiten. So offen wie Markus reden wenige. Doch auch er möchte in diesem Text nicht mit seinem echten Namen erscheinen.

Erziehen Sanktionen junge Menschen zur Arbeit?

Sind die besonders strikten Sanktionen fair und bewirken sie das, was sie sollen? Darüber diskutiert die Politik zur Zeit. Die SPD will das einst selbst eingeführte System reformieren und so aus dem Umfragetief herauskommen. „Sinnwidrige und unwürdige Sanktionen gehören abgeschafft. Die strengeren Sanktionen von unter 25-Jährigen sind sogar offenkundig kontraproduktiv“, heißt es in einem Positionspapier. Parteichefin Andrea Nahles kündigte an: „Wir werden Hartz IV hinter uns lassen.“ Schon als Arbeitsministerin hatte sie 2015 angeregt, die verschärften Strafen abzuschaffen, nach starkem Widerstand des Koalitionspartners Union aber schnell aufgegeben.

Auch Linke und Grüne kritisieren die Sanktionen schon lange, sind mit verschiedenen Vorstößen aber gescheitert. Das könnte sich jetzt ändern. Denn das Bundesverfassungsgericht prüft gerade, ob Sanktionen mit den Grundrechten vereinbar sind. Das gibt den Kritikern Hoffnung, dass zumindest die Sonderregeln für junge Menschen gestrichen werden. Sogar der Chef der Bundesarbeitsagentur Detlef Scheele hat sich dafür ausgesprochen.

Vor allem Politiker der Union und der FDP sperren sich bisher gegen eine Milderung. Das Argument: Junge Menschen müsse man früh erziehen, damit sie nicht in der Arbeitslosigkeit hängen bleiben. Deshalb sollten sie besonders stark gefördert, aber auch gefordert werden.

Die Strafen haben einen ungewollten Nebeneffekt

Bei Markus hat das nicht funktioniert. Weshalb er Geld gestrichen bekam, das fragte er nicht, denn er hatte ein vordringliches Problem: Das Geld vom Arbeitsamt reicht ihm schon dann oft nicht bis zum Monatsende, wenn er den vollen Regelsatz von 424 Euro bekommt. Die Kürzung traf Markus deshalb hart. Er musste sich Geld von seiner alleinerziehenden Mutter leihen. „Das ist natürlich demütigend“, sagt er.

Auch als er später verstand, wofür er bestraft wurde, änderte das für ihn wenig. Die Angebote des Arbeitsamtes passten nicht zu dem, was er beruflich ein Leben lang hätte machen wollen: Ein-Euro-Jobs, Hausmeister, Verkäufer, oder Security – keine gute Idee, wenn man nicht besonders groß und sehr schlank ist, dachte sich Markus. Er fand heraus, dass er Sanktionen entgehen konnte, indem er sich selbst Stellen suchte. Aus Sicht des Arbeitsamtes ein Erfolg: Markus war immer wieder beschäftigt. Aber immer nur für ein paar Monate, in Stellen, für die er nicht ausgebildet war und bei denen er kaum etwas verdiente.

Markus war Bürokraft, Model, Komparse, Kleindarsteller, scannte Krankenakten in einer Physio-Praxis und jobbte unter anderem in Callcentern und einer Casting-Agentur. Nirgendwo hielt es ihn lange: Entweder die Stelle war befristet oder er kam an seine Grenzen. In einer Praxis zum Beispiel muss auch eine Aushilfe irgenwann die Richtlinien und Medikamenten-Klassifikationen lernen – Wissen, das seine Arbeitgeber ihm nicht vermitteln wollten oder konnten, weil das Zeit und Geld gekostet hätte. Heute ist Markus 32 Jahre alt und bekommt seit rund elf Jahren Arbeitslosengeld, mit nur kurzen Pausen.

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass die meisten jungen Männer wie Markus durch Sanktionen schneller Jobs annehmen – aber vor allem schlechter bezahlte Stellen. Und die Sanktionen haben noch einen unerwünschten Nebeneffekt: „Durch harte Kürzungen werden die Menschen in große Not gebracht. Manche ziehen sich ganz aus dem System zurück. Sie gehen dann zum Beispiel schwarz arbeiten“, erklärt die Arbeitssoziologin Brigitte Schels vom IAB. „Vor allem, wenn die Leistungen ganz gestrichen werden, ist das eher hinderlich.“

Wer durch die Sanktion in Wohnungsnot gerät oder sich um den abgeschalteten Strom und die Handyrechnung kümmern muss, dem bleiben keine Zeit und Kraft mehr für die Arbeitssuche. „Gerade Studien bei jungen Menschen zeigen, dass ihnen das nicht hilft, schneller in den Arbeitsmarkt zu kommen, sondern sie überfordert“, so Schels.

Wieso sind junge Menschen trotz Lehrlingsmangel arbeitslos?

Die Jungen leiden psychisch im Schnitt noch schlimmer unter Arbeitslosigkeit als andere Altersgruppen. Das erklärt die Sozialpsychologin Andrea Zechmann von der Universität Nürnberg: „Von jungen Menschen wird erwartet, dass sie nach Schule, Ausbildung oder Studium direkt in einen Job wechseln. Wenn sie das nicht tun, entwickeln sie sich nicht gemeinsam mit Gleichaltrigen und fühlen sich ausgegrenzt.“

Arbeit ist wichtig für die seelische Gesundheit: „Sie gibt uns soziale Kontakte, verleiht uns einen gewissen Status, sie zwingt uns dazu, aktiv zu sein, sie strukturiert unseren Tag und unsere Woche, trägt dazu bei, dass wir uns kompetent fühlen und gibt uns das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.“ Die meisten Menschen wollen arbeiten, auch Jugendliche seien im Normalfall sehr motiviert, betont Zechmann. Das Klischee des „Hartzens“ als Lebenstraum (Jugendwort 2009) begegnet auch der Arbeitssoziologin Schels in ihren Studien mit Jugendlichen fast gar nicht: „Da sieht man eine sehr hohe Ausbildungsorientierung. Die Gruppe, die gar nichts machen will, ist verschwindend gering.“

Das Klischee hält sich trotzdem hartnäckig, und auf den ersten Blick scheint die Situation auch paradox: Die Wirtschaft boomt, dem Arbeitsmarkt geht es so gut wie seit Jahren nicht mehr, und überall werden händeringend Lehrlinge gesucht. Wieso waren 2017 trotzdem 6,8 Prozent der jungen Menschen arbeitslos?

Schels nennt zwei Gründe: „Manche haben keinen Schulabschluss oder keine so guten Noten.“ Damit kommen sie für viele Stellen gar nicht infrage, weil Betriebe sie nicht als Auszubildende in Betracht ziehen. Die zweite Erklärung sind die Ansprüche der Jugendlichen: „Viele der offenen Ausbildungsstellen sind in Berufen, die für die jungen Menschen nicht attraktiv sind.“ Zum Beispiel in der Gastronomie, in der Pflege oder im Verkauf fehlen die Bewerber.

„Bildung gibt es hier nicht“

Auch bei Markus scheitert es nicht am Willen zum Arbeiten, sondern an der Stellenauswahl. „Ich verstehe nicht, warum man mich lieber in 450-Euro-Jobs steckt, als mir eine langfristige Anstellung zu ermöglichen“, sagt er.

Markus will seit Jahren eine Ausbildung machen, aber die kostet Geld. Einen Ausbildungsplatz bei einem Kindergarten organisierte er sich selbst, doch als er beim Jobcenter nach Unterstützung dafür fragte, wurde abgelehnt. „Bildung gibt es hier nicht“ war die Antwort der Sachbearbeiterin, erzählt Markus.

Er versuchte es immer wieder, bei verschiedenen Betreuern. Doch immer wieder wurde er abgewiesen. Dabei hat das Arbeitsamt gerade bei jungen Menschen den Anspruch, ihnen eine Aus- und Weiterbildung zu ermöglichen. Dass Markus genau das immer wieder verweigert wurde, hat einen bitter-ironischen Grund.

Nach seinem Schulabschluss hatte seine Mutter ihn überzeugt, etwas „Vernünftiges“ zu lernen. Markus machte eine Ausbildung zum Verkäufer, wurde danach übernommen, und stellte nach einem Monat fest, dass er es nicht ertrug, sechs Stunden am Tag Regale einzuräumen und mit niemandem zu reden. „Ich wollte lieber etwas Kreatives machen, oder was mit Menschen.“ Doch die Arbeitsagentur wollte ihm keine zweite Ausbildung bezahlen – er hatte ja schon eine. Weiterbildungen fördert das Amt grundsätzlich nur, wenn sie notwendig sind, um die Arbeitslosigkeit zu beenden. Ob das der Fall ist, entscheiden die Sachbearbeiter. „Für meinen Berufsweg war die Ausbildung tödlich“, sagt Markus heute.

Eine Frage, auf die er elf Jahre lang gewartet hat

Sanktionen haben in seinem Fall nichts gebracht, weil sie nicht die Ursache für seine Arbeitslosigkeit bekämpften. Arbeitsamt und Jobcenter bemühen sich inzwischen um Alternativen, auch manchen Sachbearbeitern wäre es lieber, weniger sanktionieren zu müssen. „Die Förderung der beruflichen Weiterbildung, etwa Umschulungen, rücken immer mehr in den Vordergrund“, erklärt Professorin Schels.

Den Wandel hat Markus schon erlebt: Er hat seit kurzem eine neue Sachbearbeiterin, die ihn im Gespräch fragte: „Wenn ich mir Ihre Interessen so ansehe – wollen Sie nicht vielleicht noch mal eine Ausbildung machen?“ Auf diese Frage hat er elf Jahre lang gewartet. „Da bin ich in Tränen ausgebrochen, und habe mich tausendmal bedankt“, erzählt er.

Jetzt macht er erst mal ein Jobcoaching. Um zu testen, ob das noch klappt, eine Ausbildung mit 32.

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