„Krise“: 250 Millionen Euro Dividende-900 Stellen sollen gestrichen werden – Kapitalismus in Reinkultur

Steigende Dividenden: 250 Millionen Euro / 900 Stellen sollen gestrichen werden

Schaeffler-Gruppe setzt Rotstift an. Gastkommentar
Von Michael Hartmann (aus Junge Welt, 7.März 2019)

Michael Hartmann war bis 2014 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Elitenforschung

Der Vorstand der Schaeffler AG hat am Mittwoch verkündet, angesichts der krisenhaften Entwicklung des Unternehmens ein drastisches Kürzungsprogramm aufzulegen. Damit sollen in den nächsten eineinhalb bis zwei Jahren ungefähr 90 Millionen Euro eingespart werden. Das geschieht in erster Linie auf Kosten der Beschäftigten. Insgesamt rund 900 Stellen sollen gestrichen werden. Auf derselben Pressekonferenz wurde erklärt, dass trotz eines zehnprozentigen Rückgangs beim Nettogewinn auf 881 Millionen Euro die Dividende pro Aktie stabil bei 55 Cent bleiben solle. Das kommt zum größten Teil den beiden Haupteignern Georg Schaeffler und seiner Mutter Maria-Elisabeth Schaeffler zugute. Sie halten drei Viertel der Aktien. Dementsprechend entfällt auf sie eine Dividendensumme von mehr als einer Viertelmilliarde Euro.

Der Trend setzt sich fort: Die Aktionäre werden extrem begünstigt. Vergleicht man die Summe aller Dividenden, die von den 30 Dax-Konzernen ausgeschüttet werden, so dürfte sie in diesem Jahr fast viermal so hoch sein wie noch 2002. Statt der rund zehn Milliarden Euro damals waren es 2018 36,1 Milliarden Euro. Bis Ende dieses Jahres werden es voraussichtlich 38,3 Milliarden Euro sein. Die Ausschüttungsquote, das heißt der Teil des Gewinns, der als Dividende gezahlt wird, lag in den letzten Jahren fast durchweg bei mehr als 45 Prozent.

Dazu kommt noch, dass ein immer größerer Teil des Gewinns in Aktienrückkäufe gesteckt wird. In diesem Jahr sollen das hierzulande etwa zehn Milliarden Euro sein. In den USA war es 2018 sogar fast eine Billion Dollar, die so verwendet wurden. Diese Rückkaufprogramme kommen ebenfalls den Aktienbesitzern zugute, weil sie die Anzahl der Wertpapiere verringern und damit die Dividende pro Aktie zusätzlich steigern. Die 500 größten börsennotierten US-Unternehmen geben mehr als die Hälfte des Gewinns mittlerweile für Rückkäufe aus und ein weiteres knappes Drittel für Dividenden. Auch in Deutschland wird ein immer geringerer Anteil des Gewinns für Investitionen verwendet. Wurden nach Angaben der Süddeutschen Zeitung 1991 noch 85 von 173 Milliarden Euro Gewinn in neue Investitionen gesteckt, waren es 2016 nur noch 20 von 543 Milliarden Euro. Die Investitionsquote ist von knapp 50 auf unter vier Prozent gesunken.

Der vor allem früher von Wirtschaft und Politik immer wieder zu hörende Satz, dass die Gewinne von heute die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen seien, wirkt angesichts dieser Zahlen mehr als unglaubwürdig. Die einzigen, die wirklich profitieren, sind diejenigen, die Aktien besitzen, und das sind die Wohlhabenden und Reichen wie die Schaefflers. Sie hätten die großzügige Dividende wirklich nicht nötig; denn sie verfügen nach der aktuellen Milliardärsliste des Managermagazins immer noch über ein Gesamtvermögen von über 21 Milliarden Euro.

 

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