»Wenn der Leistungsbezug öffentlich sichtbar ist, wird eine Transferzahlung deutlich seltener beantragt.« – Stigmatisierte Arme

Stigmatisierte Arme

DIW-Studie: Hälfte der Berechtigten nimmt Grundsicherung aus Scham nicht in Anspruch

Von Susan Bonath junge welt vom 7.8.19

Wer »keine Lust auf Arbeit« habe, dürfe nicht von Beschäftigten finanziert werden, wetterte der CDU-Abgeordnete Matthias Zimmer Anfang Juni in einer Bundestagsdebatte um die Höhe der Hartz-IV-Sätze und die repressive Sanktionspraxis. Seine Schlussfolgerung: Mehr Hartz IV und ein Ende der Sanktionen widersprächen dem Leistungsgedanken. So argumentieren die Hartz-IV-Befürworter seit Jahren, und so funktioniert gesellschaftliche Stigmatisierung. Die Angst davor, als »Schmarotzer« abgestempelt zu werden, hindere etwa jeden zweiten Anspruchsberechtigten daran, Sozialleistungen wie Hartz IV und Grundsicherung im Alter zu beantragen. Das schätzen Autoren des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in einem Bericht vom Juli, auf den nun der Sozialrechtler Harald Thomé aufmerksam machte, da er von den Medien nicht beachtet wurde.

Danach spielt »Angst vor Stigmatisierung« eine große Rolle für den Verzicht. Das hatten die Forscher mittels eines Experiments herausgefunden. Dafür sollten jeweils drei Probanden zunächst einen Test über Allgemeinwissen absolvieren. Wer am schlechtesten abgeschnitten hatte, durfte anschließend eine Transferzahlung beantragen. Wurden Test und Ergebnisse offen kommuniziert, gab ein Großteil an, lieber darauf verzichten zu wollen. Ausgehend davon schätzen die Autoren die Quote derjenigen, die Transferleistungen nicht in Anspruch nehmen, bei Hartz IV im realen Leben auf 43 bis 56 Prozent – bei der Grundsicherung sogar auf 60 Prozent. Die Forscher nennen dies »Stigmaeffekt«.

»Wenn der Leistungsbezug öffentlich sichtbar ist, wird eine Transferzahlung deutlich seltener beantragt.«

So wollten Betroffene »kein negatives Signal über ihre Fähigkeiten, ihre Arbeitsmotivation oder ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit an die Gesellschaft senden« und »ein positives Selbstbild aufrechterhalten«, heißt es. Sie fürchteten, ansonsten von anderen schlechter beurteilt und behandelt zu werden«, mahnen die Forscher. Ihre Ergebnisse stützten »die Hypothese, wonach potentielle Sozialbezieher Angst haben, von anderen als weniger leistungsfähig oder als Trittbrettfahrer wahrgenommen werden«. Sie sprechen von einem Leistungs- und moralischen Stigma. Wäre es möglich, einfacher und diskreter an Grundsicherung zu kommen, resümieren sie, würden mehr Menschen von ihrem Recht auf Hilfe in Not Gebrauch machten. »So aber können sozialpolitische Ziele – wie Armutsbekämpfung und Umverteilung – schwerer erreicht werden.«

Mutmaßlich sind solche Ziele gar nicht beabsichtigt. Zwar redete die mit den Unionsparteien regierende SPD in den letzten beiden Jahren viel davon und plädierte beispielsweise für die sogenannte »Respektrente«, um Menschen mit niedrigen Einkommen vor Altersarmut zu bewahren.

Doch viele Arme erfüllen die Voraussetzungen nicht, wie etwa eine mindestens 35jährige sozialversicherungspflichtige Berufstätigkeit. Zweitens könnten Betroffene mit 35 Beschäftigungsjahren so lediglich auf eine Bruttorente von knapp 900 Euro kommen, bei 45 Jahren wären es 1.152 Euro. Durch solche Pläne, mahnen die DIW-Autoren, werde sich das Stigma für ältere Menschen, die die Kriterien nicht erfüllen, zusätzlich erhöhen.

Die Angst vor gesellschaftlicher Abwertung sei aber nicht die einzige Hürde. Hinzu kämen Unkenntnis durch mangelhafte Information in den Behörden und eine komplizierte Bürokratie. Allein für Hartz IV sind ein sechsseitiger Hauptantrag und zahlreiche mehrseitige Nebenformulare für die Wohnkosten, die Vermögensverhältnisse, Nebeneinkünfte, Kinder und Partner auszufüllen. Für sämtliche Angaben sind Nachweise zu erbringen. Vermieter, Arbeitgeber und Partner müssen Bescheinigungen ausfüllen. Erstens wüssten viele gar nichts von ihren Ansprüchen und zweitens: »Wenn das Antragsmaterial zu kompliziert erscheint, möchten sich viele Personen damit gar nicht erst beschäftigen«, resümieren die DIW-Autoren.

Die Studie des DIW:

https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.632756.de/19-26-1.pdf

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