LehrerInnen-Mangel in Herne: Keine Sicherung des regulären Unterrichts an den Herner Gesamtschulen

Correctiv-Datenrecherche:

Wo fehlen überall LehrerInnen ?

von Justus von Daniels, Michel Penke, André Ricci, Max Donnheiser

CORRECTIV.Lokal hat schulgenaue Daten aus Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ausgewertet und berichtet gemeinsam mit Lokalmedien über die Ergebnisse. Die Daten zeigen konkret, wie jede einzelne Schule mit Lehrern versorgt wird. Die meisten Schulen haben nicht genügend Lehrer für eine optimale Versorgung des Unterrichts. Und es sind Unterschiede erkennbar, etwa wenn Schulen überversorgt sind, während anderswo im selben Gebiet Lehrkräfte fehlen.

Wenn eine Schule zu wenig Lehrkräfte hat, kann der Bildungsauftrag nur eingeschränkt erfüllt werden. Wenn sich Freistunden häufen oder Filme als „Ersatzunterricht“ gezeigt werden, sind am Ende die Schülerinnen und Schüler die Leidtragenden.

Sie haben die Möglichkeit in fünf Bundesländern nachschauen, wie gut ihre Schule versorgt ist. Und das auf zwei unterschiedlichen Wegen. Entweder suchen Sie hier nach einer konkreten Schule in ihrem Bundesland und sehen den Versorgungsgrad mit Lehrerinnen und Lehrern. Oder Sie vergleichen hier in einer zweiten Suchmaske die Schulen in ihrer Umgebung.

In Berlin beziehen sich die Ergebnisse auf das laufende Schuljahr 2019/2020. In den anderen Bundesländern auf das Schuljahr 2018/2019.

100 Prozent sind nicht genug

Den Grundbedarf einer Schule errechnen die Bildungsbehörden aus der gesetzlich vorgeschriebenen Zahl der Unterrichtsstunden. Dieser Wert fließt als 100-Prozent-Marke in die Schulplanung ein und bildet den Grundversorgungsgrad, der auf keinen Fall unterschritten werden sollte. Erreicht eine Schule diesen Wert, ist der reguläre Unterricht damit aber noch nicht verlässlich sichergestellt. Denn sobald Lehrkräfte ausfallen, etwa aufgrund von Erkrankungen, Fortbildungen oder Eltern- und Familienpflegezeiten, geht die Rechnung nicht mehr auf. Dann müssen Notlösungen her, oder Unterricht fällt aus. Um flexibel reagieren zu können, benötigen Schulen zusätzlich zum Grundbedarf einen personellen Puffer. „Das ist kein strittiger Punkt“, sagt Professor Klaus Klemm gegenüber CORRECTIV.Lokal. „Es ist völlig klar, dass Schulen mit einem Versorgungsgrad von 100 Prozent nicht auskommen“, so der Erziehungswissenschaftler und Experte für Bildungsforschung und Bildungsplanung.

Wie hoch die Vertretungsreserve sein muss, um Unterrichtsausfällen effektiv entgegenzuwirken, lässt sich nicht pauschal und exakt für alle Schulen einheitlich beantworten. Ein Versorgungsgrad von 105 Prozent wird aber oft als Richtwert genannt. Die Politik kennt diesen Wert genau. Er findet sich zum Beispiel als Zielvorgabe in den aktuellen Koalitionsverträgen der Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und Bremen.

„Perspektivisch kann man diesen Wert gerne in Koalitionsverträge aufnehmen, es wird aber wenig nützen, zumindest kurzfristig“, zeigt sich Professor Kai Maaz vom Frankfurter Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation skeptisch. „In einigen Bundesländern beträgt der Anteil der Seiteneinsteiger an den Neueinstellungen 40 Prozent und mehr“, gibt der Bildungsforscher zu bedenken. Das 105-Prozent-Ziel bei der Lehrerversorgung sei derzeit nicht erreichbar, weil es auf dem Arbeitsmarkt gar nicht genügend ausgebildete Lehrkräfte gibt. Ehrgeizig formulierte politische Ziele dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in vielen Schulen noch nicht einmal gelinge, die Grundversorgung zu realisieren. „Das wäre die erste Aufgabe“, sagt Maaz.

Daten zeigen strukturelle Unterversorgung

Aus den vorliegenden Daten geht in der Tat hervor, dass die meisten Schulen eine Lehrerversorgung unter 100 Prozent aufweisen. In Berlin, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen erreichen weniger als die Hälfte aller allgemeinbildenden Schulen einen Versorgungsgrad von 100 oder mehr Prozent. In Niedersachsen sind es rund 51 Prozent der Schulen. „Schulen, die weniger als 100 Prozent aufweisen, arbeiten von vornherein mit Unterrichtsausfällen und Notlösungen“, erklärt Bildungsexperte Klemm. „Da bleibt dann während des Unterrichts schon einmal die Tür auf, und ein Lehrer beaufsichtigt zwei Klassenräume gleichzeitig.“

Regionale Schulvergleiche zeigen zudem, dass auch die passgenaue Verteilung von Lehrkräften oft ein Problem darstellt. Innerhalb derselben Schulform gibt es teilweise sehr gut versorgte Schulen, während andere im selben Ort eine Versorgung von unter 100 Prozent aufweisen. Schulbehörden sind offensichtlich nicht in der Lage, Lehrermangel wenigstens dort auszugleichen, wo es an anderen Schulen im Ort Überversorgung gibt.

Größter Mangel bei Haupt- und Realschulen

Auch die Ungleichbehandlung verschiedener Schulformen fällt ins Auge – vor allem in Niedersachsen. Dort gibt es ein besonders großes Gefälle zwischen gut versorgten Gymnasien und den anderen Schulformen. Während die meisten Hauptschulen (76 Prozent), Realschulen (70 Prozent) und Förderschulen (66 Prozent) in dem Bundesland einen Lehrer-Versorgungsgrad von weniger als 100 Prozent aufweisen, sind es bei den Gymnasien gerade einmal knapp 38 Prozent. Der auffallend gute Wert bei den Gymnasien hängt allerdings mit einem niedersächsischen Sondereffekt zusammen: Das Land kehrt in diesem Sommer zum Abitur nach 13 Jahren zurück, in Vorbereitung darauf haben die Schulbehörden besonders viele Gymnasiallehrer eingestellt. Ab dem kommenden Schuljahr wird sich die Personalsituation an den niedersächsischen Gymnasien daher schlechter darstellen als in dem von uns analysierten Schuljahr 2018/2019.

Zur Situation der Gesamtschulen in Herne

Fazit: Keine Sicherstellung des regulären Unterrichts

 

Es gibt 3 Gesamtschulen in „Krfr. Stadt Herne„. Im Mittel liegt der Versorgungsgrad 4,0 Prozentpunkte unter dem Wert vergleichbarer Schulen in Hamburg.

Gesamtschule Erich-Fried Herne

Gesamtschule Mont-Cenis

Gesamtschule Wanne-Eickel

 

Gesamtschule Erich-Fried Herne

Derzeit lehren 76,8 Lehrer an dieser Schule. Es fehlen 2,3 Lehrkräfte, um den Unterricht planmäßig durchzuführen.

Lehrer-Versorgungsgrad: 97 %

Genug Lehrer vor Ort? Ab 100 % können alle Unterrichtsstunden theoretisch stattfinden, ab 105 % ist eine Schule auch praktisch gegen Ausfall (z.B. Krankheit, Fortbildung) gerüstet.

 

Gesamtschule Wanne-Eickel

Gesamtschule Derzeit lehren 89,1 Lehrer an dieser Schule. Es fehlen 6,9 Lehrkräfte, um den Unterricht planmäßig durchzuführen.

Lehrer-Versorgungsgrad: 92,8 %

Genug Lehrer vor Ort? Ab 100 % können alle Unterrichtsstunden theoretisch stattfinden, ab 105 % ist eine Schule auch praktisch gegen Ausfall (z.B. Krankheit, Fortbildung) gerüstet.

 

Gesamtschule Mont-Cenis

Derzeit lehren 68,6 Lehrer an dieser Schule. Es fehlen 5 Lehrkräfte, um den Unterricht planmäßig durchzuführen.

Lehrer-Versorgungsgrad: 93,2 %

Genug Lehrer vor Ort? Ab 100 % können alle Unterrichtsstunden theoretisch stattfinden, ab 105 % ist eine Schule auch praktisch gegen Ausfall (z.B. Krankheit, Fortbildung) gerüstet.

Es gibt 21 Grundschulen in „Krfr. Stadt Herne„. Im Mittel liegt der Versorgungsgrad 1,3 Prozentpunkte unter dem Wert vergleichbarer Schulen in Hamburg.

 

teilen mit …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 − = 8