Rund 28 Prozent der von der BA vermittelten Arbeitslosen kommen in der Zeitarbeit an – 5,9 % müssen mit Arbeitslosengeld II aufstocken !

Regierungsantwort

Knapp drei von zehn Arbeitslosen werden in die Zeitarbeit vermittelt

Rund 28 Prozent der von der BA vermittelten Arbeitslosen kommen in der Zeitarbeit an. Die Grünen halten das für „nicht nachhaltig“, die Branche widerspricht.

Berlin Aktuell fällt bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) viel Arbeit an – bedingt durch die vielen Anträge auf Kurzarbeit und die steigende Arbeitslosigkeit. Aber wie gut hat die Nürnberger Behörde ihre Arbeit gemacht, bevor die Corona-Pandemie dem deutschen Beschäftigungswunder ein jähes Ende bereitete?

In ihrem Kerngeschäft, der Jobvermittlung, nicht besonders gut, finden die Grünen. Denn obwohl die Unternehmen im vergangenen Jahr noch händeringend Arbeitskräfte suchten, landeten 28 Prozent der von der BA vermittelten Arbeitslosen in der Leiharbeitsbranche. Dies geht aus der Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Beate Müller-Gemmeke hervor.

„Wenn die BA weiterhin 28 Prozent der Arbeitssuchenden in die Leiharbeit vermittelt – in eine Branche, die gerade mal zwei Prozent der Beschäftigung ausmacht –, dann hat sie noch immer nicht ihre Hausaufgabe gemacht“, kritisiert die Parlamentarierin.

Zwar ist der Anteil deutlich gesunken, 2017 lag er noch bei fast einem Drittel. Die Grünen stellt die Entwicklung aber dennoch nicht zufrieden, weil die Vermittlung in Leiharbeit aus ihrer Sicht „nicht nachhaltig“ ist. So verdienten Leiharbeitskräfte oft weniger als die Stammbelegschaften und würden schneller wieder arbeitslos.

Außerdem seien sie überdurchschnittlich häufig auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen. Während von allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 1,6 Prozent ihren Lohn mit Arbeitslosengeld II aufstocken, liegt die Quote bei den Leiharbeitskräften bei 5,9 Prozent, wie aus der Antwort der Bundesregierung hervorgeht.

Die Vorbehalte der Grünen werden in einer im Januar erschienenen BA-Analyse zur Zeitarbeitsbranche mit ihren knapp 950.000 Beschäftigten zumindest teilweise bestätigt. So ist das Entlassungsrisiko dort fast sechsmal so hoch wie im Durchschnitt über alle Branchen.

Das hat auch damit zu tun, dass die Leiharbeit besonders sensibel auf konjunkturelle Schwankungen reagiert. Zeitarbeiter sind oft die Ersten, die in einer Wirtschaftskrise arbeitslos werden – auch wenn die Bundesregierung das Instrument der Kurzarbeit befristet auch für diese Branche geöffnet hat.

Um die weiter relativ hohe Vermittlungsquote in die Zeitarbeit einordnen zu können, muss man aber wissen, dass in normalen Zeiten nur rund die Hälfte der offenen Stellen überhaupt bei der BA gemeldet wird. Im Jahresdurchschnitt 2019 waren das gut 774.000.

Und von diesen Stellen, die der BA zur Vermittlung überlassen wurden, stammten wiederum rund 234.000 oder gut 30 Prozent von Zeitarbeitsunternehmen. Der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) hat eine ganz andere Lesart der Regierungsantwort als die Grünen. „Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, dass die Zeitarbeit auch denen Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet, die es ansonsten schwer haben, einen Job zu finden“, sagt BAP-Hauptgeschäftsführer Florian Swyter.

Chancen für Geringqualifizierte und Geflüchtete

Dabei denke er beispielsweise an Geringqualifizierte, Langzeitarbeitslose und Geflüchtete. „Denn die gut qualifizierte Fachkraft ist es im letzten Jahr eben nicht gewesen, die über die Arbeitsagentur eine Stelle gesucht hat.“ Bei diesem Personenkreis sei es seit mindestens zwei Jahren vielmehr so gewesen, dass sich die Unternehmen um die besten Köpfe bewerben mussten.

Die Analyse der Bundesagentur bestätigt Swyters Einschätzung. So liegt bei Leiharbeitnehmern der Anteil der Personen ohne Berufsabschluss mit 31 Prozent fast doppelt so hoch wie bei allen Beschäftigten (16 Prozent). Entsprechend übte etwa jeder zweite Zeitarbeiter nur eine Helfertätigkeit aus.

Gut jeder dritte Arbeitnehmer in der Branche hat einen ausländischen Pass. „Zeitarbeit bietet offenbar für Ausländer eine gute Einstiegsmöglichkeit in den deutschen Arbeitsmarkt“, schreiben die BA-Experten.

Das gelte auch für Flüchtlinge. Von den knapp 112.000 arbeitslos gemeldeten Schutzsuchenden, die im vergangenen Jahr in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermittelt wurden, fand rund jeder dritte eine berufliche Perspektive in der Zeitarbeit.

Dass die Arbeitnehmerüberlassung zuletzt rückläufig war, führt die BA vor allem auf die schon vor der Pandemie einsetzende konjunkturelle Eintrübung zurück, aber auch auf die stärkere Regulierung.

So gilt seit April 2017 die Regelung, dass Zeitarbeiter maximal 18 Monate an einen Betrieb verliehen werden dürfen; per Tarifvertrag sind allerdings Abweichungen möglich. Nach neun Monaten greift der Equal-Pay-Grundsatz, Leiharbeiter müssen dann genauso viel verdienen wie Stammbeschäftigte.

Etwa vier von zehn Zeitarbeitnehmern sind in Produktionsberufen tätig. Jeder dritte arbeitete im vergangenen Jahr in einem wirtschaftlichen Dienstleistungsberuf, zum Beispiel in Sicherheits- oder Reinigungsberufen. 14 Prozent der Leiharbeitnehmer übten einen personenbezogenen Dienstleistungsberuf aus, beispielsweise im Gastgewerbe oder Gesundheitswesen, elf Prozent einen kaufmännischen Beruf.

(Quelle: Handelsblatt)

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