„Kein Armer im Slum in Nairobi muss sich rechtfertigen dafür, dass er arm ist. Aber der Hartz-IV-Bezieher, der wird verachtet und verächtlich gemacht, er wird als Hartzer beschimpft und verlacht, weil er den Leistungsnormen unserer Gesellschaft nicht entspricht und weil sich durch seine soziale Ausgrenzung die Mittelschicht besser fühlt, weil sie selbst nicht von dieser Armut betroffen ist.“

Bücherjournal  NDR

Wie Armut den sozialen Zusammenhalt gefährdet

Die Elenden
von Anna Mayr
Vorgestellt von Hilka Sinning
Autorin Anna Mayr © Anna Tiessen

Anna Mayr hat erlebt, was Armut bedeutet.

Anna Mayr stand als Kind am Rande der Gesellschaft. Aufgewachsen ist sie als Tochter zweier Langzeitarbeitsloser. Sie weiß, was es heißt, von Hartz IV zu leben, kennt die ständige Sorge ums Geld und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Heute arbeitet sie als Journalistin und hat gerade ihr erstes Buch geschrieben: „Die Elenden“. Darin beschreibt sie, was Armut in Deutschland bedeutet. Es ist ein analytisches, ein politisches, aber auch ein sehr persönliches Buch aus der Perspektive derjenigen, die beide Welten kennt: die der Abgehängten und die der Arrivierten.

Arme Kinder haben arme Eltern

2,8 Millionen Kinder und Jugendliche leben hierzulande in Armut, mehr als ein Fünftel aller unter 18-Jährigen. Die Bertelsmann Stiftung hat diese Zahl gerade veröffentlicht, mit dem Hinweis darauf, dass die Corona-Krise die Lage verschärft. Die Politik hat ganz offensichtlich im Kampf gegen Kinderarmut versagt. Dabei könnte es schon helfen, eine einfache Wahrheit klar auszusprechen: Arme Kinder haben arme Eltern. Hier anzusetzen, würde nicht nur die Situation der Betroffenen verbessern, sondern auch die auseinander driftende Gesellschaft stabilisieren.

Wie Armut den sozialen Zusammenhalt gefährdet

Bücherjournal – 26.08.2020 00:00 Uhr Autor/in: Hilka Sinning

Anna Mayr erlebte selbst Armut und lebte als Kind am Rande der Gesellschaft. Mit „Die Elenden“ hat sie ein analytisches und politisches, aber auch sehr persönliches Buch geschrieben.

Wie das gehen kann, darüber hat sich Anna Mayr Gedanken gemacht. Ein Schlüssel zur Teilhabe – auch das eine einfache Wahrheit – ist Geld: „Konsum ist wahnsinnig wichtig“, sagt sie. „Wenn man davon ausgeschlossen ist, dann hat man gar nicht die Chance, sich eine Identität aufzubauen. Dann geht man zu billigen Mode-Ketten, da kann man zwar wählen, aber man sieht den Sachen an, dass sie für wenig Geld gekauft wurden.“ Armut wird zum Stigma: Wer nichts hat, muss leider draußen bleiben.

„Hartz-IV-Bezieher werden verachtet“

Christoph Butterwegge © picture alliance / Frank May Foto: Frank May

Christoph Butterwegge beschäftigt sich seit Langem mit den Folgen von Armut.

Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und bis 2016 Professor an der Universität Köln, beschäftigt sich seit Jahren mit den Folgen der Armut in Deutschland. Die Stigmatisierung hat in seinen Augen noch einen ganz anderen Effekt: „Kein Armer im Slum in Nairobi muss sich rechtfertigen dafür, dass er arm ist. Aber der Hartz-IV-Bezieher, der wird verachtet und verächtlich gemacht, er wird als Hartzer beschimpft und verlacht, weil er den Leistungsnormen unserer Gesellschaft nicht entspricht und weil sich durch seine soziale Ausgrenzung die Mittelschicht besser fühlt, weil sie selbst nicht von dieser Armut betroffen ist.“

Warum wir Arbeitslosigkeit brauchen

Anna Mayr spitzt diesen Gedanken noch weiter zu. Ihre These: Ohne Armut und Arbeitslosigkeit würde unsere Gesellschaft, so wie sie ist, nicht funktionieren. „Einerseits brauchen wir auf einer psychologischen Ebene Arbeitslose, um uns von ihnen abzugrenzen. Und andererseits, auf der wirtschaftlichen Ebene, brauchen wir Arbeitslose, damit Leute auf schlecht bezahlte Mistjobs gehen. Damit jemand zum Spargelstechen aufs Feld geht, braucht es etwas, was schlimmer ist. Das ist die Arbeitslosigkeit.“ Für völlig falsch hält sie es, nur die Symptome zu lindern. „Sozialarbeiter, Jugendhelfer und Psychologen – all diese Leute werden vom Staat bezahlt. Es ist wahnsinnig teuer. Es kostet deutlich mehr als Hartz IV. Wenn wir dieses Geld einfach den Familien geben – was würde da passieren? Ich glaube, es würde funktionieren, weil die Teilhabe in unserer Gesellschaft über Geld funktioniert.“

Plädoyer für eine gerechtere Steuerpolitik

Liegt die Lösung tatsächlich so nahe? Christoph Butterwegge ist skeptisch. „Ich würde Sozialarbeiter und Sozialpädagogen keineswegs einsparen, sondern ich finde sogar, dass Beratung und Betreuung in diesem Bereich ganz wichtig sind. Und dass wir viel zu wenig davon haben.“ Er setzt stattdessen auf einen höheren Mindestlohn und plädiert für Umverteilung in Form einer gerechteren Steuerpolitik, die die Vermögenden zugunsten der Bedürftigen stärker belastet.

„Arbeit und Arbeitslosigkeit neu denken“

Für Anna Mayr steht fest: Wenn wir tatsächlich etwas ändern wollen, dann müssen wir Arbeit und Arbeitslosigkeit neu denken. „Es wäre gut, wenn wir uns alle fragen würden: Was ist wichtig an mir? Ist es nur die Tatsache, dass ich arbeite, oder sind es auch noch andere Dinge? Dann könnten wir auch eine größere Weichheit dem Arbeitslos-Sein gegenüber entwickeln und dem Nicht-Arbeiten.“

Cover des Buches "Die Elenden" von Anna Mayr. © Hanser Verlag

Die Elenden

von Anna Mayr
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26840-1
Preis:
20 Euro €

 

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