Wir brauchen eine „Lohnrevolution“ in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Kitas und Supermärkten!

Weg mit der Rentenlücke!

Im Wortlaut von Dietmar Bartsch, Focus,

Gastbeitrag von Dietmar Bartsch im Focus (Die Linke)

Es war zweifellos eine emotionale Rede, die Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag gehalten hat. Ihr Appell, alles zu tun, um Mitmenschen vor dem Virus zu schützen, unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren und die unerträglich hohen Sterbezahlen herunterzubringen, hat durchaus Eindruck hinterlassen. Ihr Dank an Ärzte und Pflegepersonal, die seit dem Frühjahr alles geben, was in ihrer Macht steht, war gestern so richtig, wie im Frühjahr. Umso beschämender bleibt, dass wir Pflegekräften mit schlechten Löhnen am Abend nach Hause und im Alter in Armut schicken.

Es sind weit überdurchschnittlich Frauen, die in Krankenhäusern und Heimen pflegen. So wie es überwiegend Frauen sind, die vor Weihnachten in den übervollen Supermärkten an den Kassen sitzen. In der Pflege sind die Löhne in der Corona-Krise kaum gestiegen, in den Supermärkten sind sie gar gesunken. So sieht er in der Praxis aus, der Dank der Bundesregierung für unverzichtbare Knochenjobs.

Das hat Folgen, ein Erwerbsleben lang. Der durchschnittliche Zahlbetrag aus der gesetzlichen Rente – der Betrag, der netto monatlich auf dem Konto landet – liegt für Frauen in Deutschland bei 797 Euro. Haben Sie sich in letzter Zeit die Preise für eine Mietwohnung angesehen? Drei Zimmer, etwa 80 qm. Die kostet in Hamburg, Berlin oder Stuttgart warm gut und gerne 1500 Euro. Also das Doppelte einer durchschnittlichen Frauenrente. Ja, die Mieten sind vielfach zu hoch. Aber die Löhne und Renten sind vielfach lebensfremd niedrig. In Deutschland verdienen Frauen rund 20 Prozent weniger als Männer und erhalten eine gesetzliche Rente, die sogar 35 Prozent niedriger ist – 425 Euro weniger! Die Lohnlücke (Gender Pay Gap) im Arbeitsleben wird zu einer noch größeren Rentenlücke (Gender Pension Gap) im Alter. Ein Armutszeugnis für die Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland!

Wir brauchen eine „Lohnrevolution“ in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Kitas und Supermärkten!

Hier wurde in diesem Jahr viel geredet, aber kaum gehandelt. Soziale, personennahe, systemrelevante Berufe, die häufig Frauen ausüben, müssen deutlich besser bezahlt werden. Weg vom billigen Applaus, hin zu realer Anerkennung! Und das bedeutet mehr Geld! So, dass auch diejenigen zurückkommen, die verzweifelt aus dem Beruf ausgestiegen sind. Sind wir doch mutig! 1000 Euro dauerhaft mehr im Monat müsste eine Krankenpflegerin eigentlich bekommen. Geht nicht? Doch, denn so wie derzeit geht es nicht weiter, wenn wir den Pflegenotstand beenden wollen.

Die gesetzliche Rente benötigt eine Generalüberholung, um systemrelevante Arbeit auch in der Rente viel besser anzuerkennen. In Österreich liegt die durchschnittliche gesetzliche Rente nicht bei 982 Euro wie hierzulande, sondern 800 Euro höher. Dort zahlen alle Bürger in die Rente ein, auch Abgeordnete, Beamte und Selbstständige. Diejenigen, die im Frühjahr den Pflegerinnen und Verkäuferinnen applaudiert haben, müssen sich fragen lassen, warum sie nicht in die Rente einzahlen wollen, die die Altersversorgung der Systemrelevanten trägt. Wir brauchen eine Rentenkasse, in die alle Bürger einzahlen, und die Frauen und Männer gleich gut absichert.

Focus,

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