956 Tafeln – 60.000 Freiwillige: „So geht das nicht mehr weiter.“

„Am Limit“. „So geht das nicht mehr weiter“: Vielen Tafeln geht die Puste aus

Mit der Gründung der ersten Tafel im Jahr 1993 in Berlin haben engagierte Menschen den Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung aufgenommen. Mittlerweile sind es rund 60.000 Helferinnen und Helfer, die sich für die Tafel-Arbeit engagieren. Sie sammeln gespendete Lebensmittel ein, beladen und entladen Fahrzeuge, sortieren die Lebensmittel und verteilen sie in den Ausgabestellen der Tafeln überall im Land an armutsbetroffene Menschen. 265.000 Tonnen Lebensmittel werden so jährlich von den Tafeln gerettet. Im Jahr 2020 gab es bundesweit 956 Tafeln, zu denen über 2.000 Ausgabestellen gehörten. Viele Tafeln bieten zudem weiterführende Serviceangebote für ihre Kunden an. Die Angebote reichen von der Freizeitgestaltung für Familien bis zu Seniorencafés, Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern. Hinzu kommen Betreuungs- und Beratungsangebote wie Sprachunterricht, Kinderkochkurse oder Hausaufgabenhilfe.

So beginnt die Selbstbeschreibung des Dachverbands der 956 Tafeln in unserem Land, niedergeschrieben im Jahresbericht 2020 der Tafel Deutschland, der im Mai 2021 veröffentlicht wurde. Eine umfangreiche Rechenschaftslegung der Arbeit der Tafeln.

In diesem Blog ist in den vergangenen Jahren immer wieder über die Tafeln berichtet worden, dabei auch über die kritischen Anmerkungen, teilweise Ablehnung, die gegenüber den Tafeln – vor allem in der Expansionsphase – vorgetragen wurde.

 

Aber schauen wir auf die aktuelle Lage: »Zwei Jahre Engagement unter Pandemie-Bedingungen, nun kommen die Folgen der Inflation und des Krieges in der Ukraine hinzu … Immer mehr Menschen bitten die Tafeln um Hilfe, darunter sowohl Geflüchtete aus der Ukraine als auch Menschen, die wegen der steigenden Preise nicht mehr über die Runden kommen. Gleichzeitig erhalten die meisten Tafeln deutlich weniger Lebensmittelspenden – in Extremfällen wie in Frankfurt am Main um die 70 Prozent weniger. Die Energie- und Spritkosten belasten die Tafeln zusätzlich, denn sie können weder auf die Fahrten zu spendenden Unternehmen noch auf den Betrieb ihrer Kühlzellen verzichten.« So die Darstellung des Bundesverbandes der Tafeln unter der Überschrift Ohne Ehrenamt keine Tafel. Und wenn man sich anschaut, auf welchen Schultern die Arbeit der Tafeln lastet, dann kann man sich angesichts der Dominanz des ehrenamtlichen Engagements in Verbindung mit der Tatsache, dass mit 63 Prozent die meisten Ehrenämtler zu der Gruppe der über 60jährigen Menschen gehören, gut vorstellen, dass die beiden zurückliegenden Corona-Jahren große Schneisen der Verwüstung in dieser Versorgungslandschaft geschlagen haben:

Und das System hat keine zeit, sich davon ein Stück weit zu erholen, sondern die genannten aktuellen Anforderungen erhöhen den Nachfragedruck auf die Tafeln – bei gleichzeitig erheblichen Angebotsproblemen. »Krieg in der Ukraine, gestiegene Energiepreise, teure Lebensmittel – die Nachfrage bei den Tafeln ist so groß wie seit Langem nicht mehr. Doch ausgerechnet jetzt sinkt mancherorts die Spendenbereitschaft«, so Mirela Delić in ihrem bereits Anfang April veröffentlichten Artikel Am Limit. Sie berichtet aus Koblenz: »Karyna ist vor etwa drei Wochen in Koblenz angekommen. Gemeinsam mit ihrer drei Jahre alten Tochter, Mutter und Tante ist sie aus Charkiw in der Ukraine geflohen. Jetzt wartet sie wie viele andere vor der Ausgabestelle der Koblenzer Tafel. „Meine Freundin hat mir erzählt, dass man hier heute Lebensmittel bekommen kann.“ Deutschlandweit bieten die Tafeln derzeit solche Sonderausgaben an. Sie richten sich an geflüchtete Menschen aus der Ukraine und ihre Gastgeber. Der Andrang ist groß. Eigentlich war diese Essensausgabe vor allem für Menschen aus Koblenz gedacht. Gekommen sind aber auch viele aus den Nachbarorten … Vor allem die Tafeln in Großstädten spüren die Folgen des Krieges in der Ukraine, wie der Bundesverband der Tafeln mitteilt. Beispielsweise in Berlin: Dort berichtet die Tafel von vielen neuen Kundinnen und Kunden aus der Ukraine. Der neue Andrang sei aber fast überall zu verzeichnen und betrifft auch kleinere Orte, beispielsweise Kusel in Rheinland-Pfalz: „In den vergangenen acht Wochen sind 100 neue Kunden zu uns gekommen“, sagt Wolfram Schreiner, Geschäftsführer der Kuseler Tafel. Auch die Tafeln in anderen Städten melden eine ähnliche Entwicklung.«

Man darf aber den Blick auf die Probleme vieler Tafeln nicht verengen auf die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine und die damit einhergehende Nachfragesteigerung: »Der Krieg in der Ukraine sei aber nur eine Ursache dafür, weshalb die vielen Ehrenamtlichen der Tafeln an ihre Grenzen stoßen. Auch schon vor Kriegsbeginn verzeichneten die Stellen immer mehr Zulauf. Bereits durch die Coronavirus-Pandemie hätten immer mehr Menschen mit finanziellen Einbußen zu kämpfen gehabt. Hinzu kommen nun die gestiegenen Energie- und Lebensmittelkosten.«

Hinzu kommen angebotsseitige Probleme: Den steigenden Bedarf zu decken wird nach Angaben des Bundesverbands immer schwieriger, auch weil die Tafeln in einigen Städten immer weniger Spenden erhielten. Im Fall der Berliner Tafel ist der Umfang der Lebensmittelspenden beispielsweise seit Jahresbeginn um circa ein Drittel zurückgegangen. Ralf Blümlein, der Geschäftsführer der Tafel im rheinland-pfälzischen Bingen, wird mit diesen Worten zitiert: „Es ist ein echter Kampf im Moment. Es wird immer schwerer, die benötigten Spenden zusammenzubekommen. Wir haben bereits Lebensmittel selbst hinzugekauft, aus der eigenen Tasche. Lange können wir das aber nicht so machen.“ Lebensmittel zukaufen? Genau das war so nicht gedacht bei der Entstehung der Tafeln.

Aus den Reihen der Tafeln wird eindringlich darauf hingewiesen, dass die Versorgung der Menschen Aufgabe des Staates ist und die Leistungen der Tafeln nur unterstützend, nicht aber existenzsichernd sein können. Aus dem Bundesverband werden konkrete politische Forderung vorgetragen: »Um die Situation zu entschärfen, fordert der Bundesverband der Tafeln die Bundesregierung dazu auf, konkrete und schnelle Hilfe für armutsbetroffene Menschen zu leisten. Die im Entlastungspaket enthaltene Einmalzahlung für Menschen in Hartz IV und Altersgrundsicherung seien nicht ausreichend, um die finanzielle Belastung durch die Pandemie und die Preissteigerungen auszugleichen. „Wir fordern stattdessen 100 Euro Zuschuss pro Monat“,« so Jochen Brühl, Vorsitzender von Tafel Deutschland.

Zwei Wochen später meldete sich Marco Karp unter der Überschrift „So geht das nicht weiter“ zu Wort: »Die Nachfrage steigt, die Spenden gehen zurück: Die Lage bei den Tafeln spitzt sich zu. Sie rufen zu mehr Spenden auf und fordern ein Umdenken der Politik. Eine Entlastung ist aber nicht in Sicht.« Seit Dezember versorgen sich immer mehr Menschen bei der Tafel. Im Februar sei dann eine weitere Welle wegen der stark gestiegenen Energiepreise hinzugekommen, seit Mitte März dann zusätzlich die Familien, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet seien. Das alles trifft auf eine Situation, in der es eine Verknappung der Lebensmittel gibt.

»Die hohe Nachfrage erklärt sich mit der Haushaltsstruktur der neuen Kunden. Während es bei syrischen Geflüchteten zunächst nur Männer gewesen seien, sind die Haushalte bei den Ukrainern mit Frauen und Kindern größer. Da wird die Einkaufsliste natürlich länger.«

Offen angesprochen wird die Instrumentalisierung des Zusatzangebots der Tafeln: »Die Behörden in Deutschland schickten Geflüchtete oft an die Tafeln. „Das können wir nicht leisten.“« Aus vielen Tafeln wird berichtet, dass die Kommunen die Menschen nach der Ankunft an die Tafel verweisen. »Manche Tafeln mussten ihr Angebot bereits beschränken. In Saarbrücken haben sie seit Monaten einen Aufnahmestopp. „Der Andrang ist immer höher, wir haben zu wenig Personal. Wir sind am Limit“, sagt die Pressesprecherin Vera Loos. Auch sie beklagt die fehlende Unterstützung durch die Stadt. Ursprünglich sei eine eigene Lebensmittelausgabestelle durch die Kommune geplant gewesen, davon sei nun keine Rede mehr.«

Die Tafel Deutschland hat sich hier eindeutig positioniert: »Tafel Deutschland kann in dieser angespannten Lage nicht nachvollziehen, warum Behörden in vielen Städten Geflüchtete zu den Tafeln schicken, statt die Zeit bis zur Auszahlung der ersten Sozialleistungen beispielsweise mit Gutscheinen oder Wertschecks zu überbrücken. Wir erhalten keine staatliche Unterstützung und können daher keine staatlichen Aufgaben wie die Grundversorgung der Menschen übernehmen. Lebensmittel der Tafeln sind immer nur ein Ergänzung und ersetzen keine kompletten Einkäufe.«

Auf der Angebotsseite wird es doppelt eng

Es wurde bereits mehrfach angesprochen – immer mehr Tafeln beklagen neben dem Anstieg der Nachfrage gleichzeitig ein rückläufiges Angebot an gespendeten Lebensmitteln. »Viele Thüringer Lebensmitteltafeln bekommen die Auswirkungen von Hamsterkäufen und Preissteigerungen seit Beginn des Kriegs in der Ukraine zu spüren. „Wir haben mehr Menschen vor der Tür und viel weniger Lebensmittel, die zu verteilen sind“, sagte die Vorsitzende des Landesverband der Tafeln in Thüringen, Beate Weber-Kehr … Es gebe inzwischen etwa zehn Prozent mehr Tafel-Besucher als noch vor einigen Monaten«, so diese Meldung: Preis-Schock trifft auch Tafeln: „Mehr Bedürftige und weniger Lebensmittel“. »Die überwiegend ehrenamtlich arbeitenden Tafeln sammeln bei Einzelhändlern qualitativ einwandfreie, aber nicht verkaufte Lebensmittel ein, die andernfalls im Müll landen würden … Wenn aber wegen Hamsterkäufen bei Grundnahrungsmitteln wie Mehl die Regale leer seien, könnten solche Produkte auch nicht gespendet werden, sagte Weber-Kehr. Sie schätzt, dass die Lebensmittelspenden in den zurückliegenden Wochen um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen sind.«

Und die Aussichten für die kommenden Monate sind düster, selbst wenn sich die Zusatzbelastung durch die vielen Kriegsflüchtlinge wieder entspannen sollte, was derzeit eine sehr gewagte Annahme wäre. Denn die Lebensmittelpreise werden auf breiter Front mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter ansteigen – dazu ausführlicher der Beitrag Von einer „höchst unsozialen Inflation“ bis zur Frage, wie man denn wem wodurch (nicht) helfen kann angesichts der Verfestigung hoher Preissteigerungsraten vom 22. April 2022. Dort wurde einerseits darauf hingewiesen, dass der Preistreiber Nr. 1 die Energiepreise sind (so lag die Inflationsrate insgesamt bei 7,3 Prozent, der Anstieg der Energiepreise hingegen wurde seitens des Statistischen Bundesamtes mit 39,5 Prozent angegeben). Die Nahrungsmittelpreise erhöhten sich im März 2022 gegenüber dem Vorjahr (noch) etwas weniger stark als die allgemeine Inflationsrate: 6,2 Prozent war der Steigerungswert. Nun haben die Bundesstatistiker die vorläufigen Preissteigerungsraten für den April 2022 veröffentlicht: Inflationsrate im April 2022 voraussichtlich +7,4 %. Und wenn man sich die dort ausgewiesenen Werte anschaut, dann erkennt man, dass im April 2022 der Anstieg der Nahrungsmittelpreise bereits die durchschnittliche Preissteigerungsrate von 7,4 Prozent überschritten hat:

Und zahlreiche Einflussfaktoren (ausführlicher beschrieben in dem Beitrag Von einer „höchst unsozialen Inflation“ bis zur Frage, wie man denn wem wodurch (nicht) helfen kann angesichts der Verfestigung hoher Preissteigerungsraten vom 22. April 2022) werden dazu führen, dass weitere überdurchschnittliche Steigerungsraten für den Lebensmittel-Bereich in den vor uns liegenden Monaten recht sicher zu erwarten sind. Das wird den Nachfragedruck auf die Tafeln weiter vorantreiben und das erreichte Limit verschärfen, was eben auch daraus resultiert, dass immer weniger Lebensmittel zur Verfügung gestellt werden.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen werden sich die staatlichen Institutionen erklären müssen, ob und wie sie das Abwälzen einer existenziellen Aufgabe auf eine ergänzende Hilfe-Infrastruktur weiter aufrechterhalten wollen. Zugleich müssen die Tafeln aufpassen, dass sie die übergriffige und schon seit längerem beklagte Instrumentalisierung ihrer als Zusatzangebot gedachten Leistungen nicht dadurch legitimieren und verfestigen, in dem sie sich abspeisen lassen mit einem billigen Zuschuss seitens der öffentlichen Hand. Keine einfache Aufgabe für die, die helfen wollen.

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