Armut in Deutschland auf dramatischem Höchststand: Zahl der Tafel-Kundinnen und -Kunden um Hälfte erhöht.

Lange Schlangen, leere Regale – und schon 2020 sollen es 1,1 Millionen Menschen gewesen sein, die sie nutzen, 2022 zwei Millionen.

Die Tafeln im Spagat zwischen fragiler Zusätzlichkeit und übergriffiger Funktionalisierung

Eine schnelle Recherche im Netz fördert tonnenweise solche Meldungen zu Tage: „Man muss oft teilen, damit jeder etwas bekommt“: »Mehr Bedürftige melden sich, aber die Zahl der Lebensmittelspenden ist rückläufig. Die Tafeln im Landkreis Ebersberg stoßen an ihre Grenzen.« Und weiter: »Etwa 20 bis 30 Haushalte haben vor dem Ukraine-Krieg wöchentlich Hilfe bei der Tafel gesucht. Mit den Geflüchteten aus der Ukraine ist die Zahl auf mehr als 65 Haushalte gestiegen, sagt Liane Spiegelberg. Damit bei der Ausgabe alles rund und fair läuft, erhält jeder Kunde einen Tafelausweis. Darauf zu lesen ist neben dem Namen auch die Zusammensetzung der Familie. Dementsprechend werden die Lebensmittel verteilt. Am Ausgabetag erhält jeder eine Losnummer. In der Reihenfolge dieser Nummern ist dann der Zugang zur Tafel geregelt.«

 

Oder aus Niedersachsen: Krisenstimmung bei den Tafeln in Walsrode: »Es brennt ganz lichterloh bei den Tafeln im Land. Die steigenden Kosten für Lebensmittel haben sich auch bei dieser Versorgungskette für Menschen, die in Not geraten sind, ausgewirkt. Ursula Büch, erste Vorsitzende der Tafel in Walsrode: „Wir bekommen von den Discountern kaum mehr Ware. Uns fehlen Obst und Gemüse und viele andere wichtige Lebensmittel.“ Auch die Lieferungen von den Bäckereien seien drastisch zurückgegangen. „Wenn wir von der Stadt Walsrode nicht so großzügig unterstützt würden, hätten wir die größten Probleme, die über 1 000 Menschen, die jeden Freitag zu uns kommen, zu versorgen.“« Auch in der Großstadt Hamburg: „Manche Lebensmittel bekommen wir gar nicht mehr“: »Leere Regale im Lager der Tafel. In Hamburg zeigt sich, wie prekär die Lage ist. „Wegen steigender Preise werden die Großspender immer knauseriger“, heißt es. Nun sind die Helfenden auf neuen Hilfen angewiesen.« Um nur drei von vielen Beispielen zu zitieren. Die hier angerissene Entwicklung wurde bereits vor Monaten aufgerufen, so in dem Beitrag „Am Limit“. „So geht das nicht mehr weiter“: Vielen Tafeln geht die Puste aus, der hier am 29. April 2022 veröffentlicht wurde.

Dass die – übrigens schon seit Mitte des vergangenen Jahres – stark steigenden Preise vor allem in den Bereichen, die einen großen Anteil an den Ausgaben im unteren Einkommensbereich ausmachen, mehr Menschen als sowieso schon zu den Tafeln treiben, ist für die meisten sicher keine Überraschung. Darunter auch Menschen, die sich das vor noch nicht allzulanger Zeit nie haben vorstellen können: In den vergangenen Monaten habe sich der Kreis der Antragsteller deutlich verändert in Richtung Mittelschicht: „Wir haben mittlerweile nicht mehr nur die ganz Armen, die zu uns kommen, sondern auch Leute, die eigentlich in festen Berufen sind, die Geld verdienen, aber nicht mehr genug.“ So die Worte von Manfred Jabs, dem Leiter der Tafel in Bremerhaven, der in diesem Beitrag zitiert wird: Zur Tafel kommt jetzt auch der Mittelstand. Der wurde Mitte September 2022 veröffentlicht. Die Bremerhavener Tafel, das sind sieben Ausgabestellen im Stadtgebiet, 5.800 registrierte Kunden, dazu seit Beginn des russischen Angriffskriegs rund 1.800 Geflüchtete aus der Ukraine.

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wer denn eigentlich „die“ Tafelkunden sind – und ja, auch die Infragestellung, ob die wirklich alle „arm“ und „bedürftig“ sind. Schon im Kontext der „Flüchtlingskrise“ im Herbst 2015 und der großen Zuwanderung gab es hitzige, plakative Diskussionen darüber, ob diese oder jene Menschen wirklich der Hilfe bedürfen. Und so überrascht es nicht, dass in den zurückliegenden Monaten seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine und der dadurch bedingten Zuwanderung zahlreicher Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine (ganz überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden können) auch an der einen oder anderen Stelle dieses Fass aufgemacht wird. Dazu als Beispiel dieser Bericht: Tafel beschwert sich über Ukraine-Flüchtlinge – und erntet Kritik: »Kaviar-Wünsche, große Autos, Kritik an Lebensmitteln: Die Tafel in Weimar hat Probleme mit Geflüchteten aus der Ukraine beklagt und damit eine kontroverse Debatte angestoßen.«

Dem Artikel kann man aber auch entnehmen, dass zahlreiche andere Tafeln die Vorwürfe stark relativieren oder überhaupt nicht nachvollziehen können. Und einige verweisen auf eine ganz andere hoch problematische Erfahrung: Dass Jobcenter und kommunale Behörden Flüchtlinge aus der Ukraine an die Tafeln verweisen, damit die dort ihren Grundbedarf an Lebensmitteln decken können. Was aber nun wahrlich nicht die Aufgabe der nicht-staatlichen Tafeln ist. „Wir versuchen so gut wie möglich, das staatliche Versagen aufzufangen, sind aber kein staatliches Verteilnetz und bekommen ja auch keine staatliche Unterstützung“, so Julia Bauer, Vorstand der Hamburger Tafel. Und dass Sozialämter ukrainische Flüchtlinge an die Tafeln verwiesen haben, hatte Folgen: „Die Geflüchteten aus der Ukraine dachten, die Tafel sei Teil des staatlichen Hilfsangebots und sie hätten einen Anspruch auf kostenlose, hochwertige Lebensmittel. Doch diesen Zahn mussten wir ihnen ganz schnell ziehen“, so Julia Bauer.

Was wissen wir (nicht) über die Menschen, die zu den Tafeln kommen?

Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, wer denn die Menschen sind, die zu den Tafeln kommen, ist es sicher naheliegend, beim Bundesverband der Tafeln selbst nachzulesen. Im Sommer dieses Jahres, konkret am 14. Juli 2022, hat die Tafel Deutschland eine Mitteilung veröffentlicht, die so überschrieben wurde: Armut in Deutschland auf dramatischem Höchststand: Zahl der Tafel-Kundinnen und -Kunden um Hälfte erhöht. »Geflüchtete aus der Ukraine, Erwerbslose, Erwerbstätige mit geringem Einkommen sowie Rentnerinnen und Rentner sind besonders häufig auf Unterstützung angewiesen. 32 Prozent der Tafeln mussten bereits einen Aufnahmestopp einführen.«

»Die Zahl der Tafel-Kundinnen und -Kunden hat sich aufgrund von Inflation, Pandemie und Kriegsfolgen seit Jahresbeginn um etwa die Hälfte erhöht. Damit suchen deutlich über zwei Millionen armutsbetroffene Menschen Unterstützung bei der Ehrenamtsorganisation – so viele wie nie zuvor. Aktuell verteilen beinahe alle Tafeln gespendete Lebensmittel an mehr Personen: 60,71 Prozent der Tafeln verzeichnen einen Zuwachs von bis zu 50 Prozent bei ihrer Kundschaft; 22,6 Prozent der Tafeln unterstützen bis zu doppelt so viele Menschen wie noch vor einem halben Jahr. Bei 7,59 Prozent hat sich die Zahl der Kundinnen und Kunden verdoppelt und bei 8,94 Prozent sogar mehr als verdoppelt.«

„Tafeln sind am Limit und berichten uns, dass viele Menschen zu ihnen kommen, die bisher gerade so über die Runden gekommen sind und zum ersten Mal Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Sie erzählen aber auch von ehemaligen Kundinnen und Kunden, deren Situation sich wieder verschlechtert hat und die nun erneut Unterstützung brauchen“, so wird Jochen Brühl zitiert, der Vorsitzende von Tafel Deutschland. 32 Prozent der Tafeln mussten bereits einen Aufnahmestopp einführen – viele zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Ihnen fehlen Lebensmittel und/oder Ehrenamtliche, um allen zu helfen, die nach Unterstützung fragen.

Hinsichtlich der hier aufgerufenen Frage, wer denn die Tafeln nutzen, ist eine neue Studie interessant, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin veröffentlicht hat – wobei darauf hinzuweisen wäre, dass sich die dort präsentierten Daten auf das erste Halbjahr 2020 beziehen, nicht auf das laufende Jahr 2022:

➔ Markus M. Grabka und Jürgen Schupp (2022): Etwa 1,1 Millionen Menschen in Deutschland besuchen Tafeln – vor allem Alleinerziehende und Getrenntlebende überdurchschnittlich häufig, in: DIW Wochenbericht Nr. 39/2022

»Mit der Corona-Pandemie, der vermehrten Zuwanderung ukrainischer Geflüchteter und den aktuell stark steigenden Lebensmittelpreisen rücken die Tafeln in das öffentliche Interesse. Debattiert wird, ob die Tafeln die steigende Zahl ihrer BesucherInnen und die mit ihr verbundenen finanziellen und organisatorischen Herausforderungen bewältigen können. Bisher lagen jedoch keine belastbaren empirischen Daten zur Nutzung von Tafeln vor. Erstmals präsentiert dieser Bericht daher auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) Befunde und Analysen zur Zahl der TafelbesucherInnen und ihrer soziodemografischen Aufteilung. Demnach besuchten im ersten Halbjahr 2020 etwa 1,1 Millionen Menschen in Deutschland Tafeln, um vergünstigte Lebensmittel zu erhalten. Darunter finden sich mehr Frauen, Personen mit einem Migrationshintergrund, geschiedene oder getrenntlebende Personen und Erwerbslose. Allein ein Viertel der Menschen, die von Tafeln profitieren, sind Kinder. TafelbesucherInnen weisen zudem einen eher schlechten Gesundheitszustand auf. TafelbesucherInnen verfügen erwartungsgemäß über unterdurchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen. Mehr als zwei Drittel der TafelbesucherInnen sind entsprechend von Armut bedroht. Damit die Tafeln nicht an ihre Grenzen stoßen, ist es zentral, die strukturellen Ursachen von Armut zu bekämpfen. Erhöhte Regelsätze der Grundsicherung und gezielte Unterstützungsmaßnahmen für Arbeitssuchende können verhindern, dass Tafelbesuche nötig werden. Die Tafeln selbst sollten – wie aktuell diskutiert – professionalisiert werden und vermehrt eine Lotsenfunktion auch für andere Unterstützungsmöglichkeiten des sozialen Sicherungssystems einnehmen.«

Sollen (und können sie überhaupt) oder sollten sie lieber doch nicht? Zur höchst ambivalenten Diskussion über eine „Professionalisierung“ der Tafeln

In der Studie von Grabka/Schupp (2022) wird im Fazit eine höchst ambivalente Frage aufgerufen (S. 504 f.): »In Deutschland können die Tafeln sozialstaatliche Existenzsicherung nicht ersetzen, sondern ergänzen sie. Gleichwohl kommt auch in Deutschland den Tafeln seit Jahren eine wichtige subsidiäre Rolle im Sozialleistungssystem zu. Angesichts dieser Bedeutung ist es eine kontroverse gesellschaftliche Debatte, ob eine solche dauerhafte und verfestigte Praxis der Armutslinderung sinnvoll ist.« Der eine oder andere wird sich in diesem Umfeld an die Ausführungen der „Tafel-Kritiker“ wie Stefan Selke und anderen vor einigen Jahren erinnern.

Grabka/Schupp (2022) verweisen auf eine (eigentlich) andere Zuständigkeit: »Letztlich stellt sich auch gerade vor dem Hintergrund der sprunghaft gestiegenen Inflation die Frage, ob es genügt, den Regelsatz wie im Bürgergeldgesetz vorgesehen als Anpassung an die Inflation auf 502 Euro anzuheben oder ob zudem geprüft werden sollte, ob der Regelsatz auf Basis einer sachgerechten Berechnungsgrundlage noch weiter erhöht werden muss. Angesichts des hohen Anteils von Kindern unter der Gruppe der Tafelnutzenden sollte neben der geplanten Erhöhung des Kindergeldes im Rahmen des Entlastungspakets auch das zweite große sozialpolitische Reformprojekt der Ampelkoalition – eine Kindergrundsicherung – zügig umgesetzt werden, um künftig Kinderarmut in Deutschland wirksam zu reduzieren und Eltern den Gang zur Tafel zu ersparen.«

Sie gehen allerdings einen Schritt weiter und plädieren für eine aktive Einbindung der Tafeln in das – von den beiden Autoren offensichtlich positiv bewertete – „Bürgergeldgesetz“ und darüber hinaus in die sozialstaatliche Infrastruktur:

Ihrer Meinung nach seien »vor allem Länder und Kommunen gefordert, einerseits lokale Tafel-Initiativen verlässlich zu unterstützen. Ein aktuelles Projekt der Bundesregierung fördert die Bemühungen, die Tafeln zu professionalisieren, um sie so zu einem niedrigschwelligen Angebot für vulnerable Bevölkerungsgruppen aufzubauen. So könnten die Tafeln auch eine Lotsenfunktion für andere Elemente des sozialen Sicherungssystems einnehmen.«

Das liest sich so schnell – und wäre dennoch ein Systemwechsel: So wäre eine „verlässliche“ Unterstützung lokaler Tafel-Initiativen ein echter Systemwechsel weg von einem rein zusätzlichen und außerhalb der gängigen sozialstaatlichen Strukturen organisierten Angebot, das übrigens in den 1990er Jahren ausdrücklich nicht gestartet ist als eine armenpolitischen Initiative, sondern Ausgangspunkt war die Verwertung ansonsten der Vernichtung anheimgefallener Lebensmittel und die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung. Wenn denn eine wie auch immer verlässliche Unterstützung der Tafeln staatlicherseits eingeführt wird, dann werden die Tafeln tatsächlich zu einem regulären Teil der sozialstaatlichen Infrastruktur, ohne gleichzeitig aus systemimmanenten Gründen heraus überhaupt in die Lage versetzt zu werden, diese Daueraufgabe von der Angebotsseite her verlässlich sicherstellen zu können, denn die Tafeln sind auf entsprechende Spenden seitens des Einzelhandels angewiesen, die durchaus mit teilweise erheblichen Sprüngen rauf und runter gehen – oder die möglicherweise sogar versiegen können, weil man die Menge an zu vernichtenden Lebensmitteln wie auch immer deutlich reduziert bekommt (was im Angesicht des ursprünglichen Ziels der Tafelbewegung als Erfolg gewertet werden müsste).

➔ Es gibt sogar eine (zunehmende) Binnen-Konkurrenz der Lebensmittelresteverwerter, worauf beispielsweise in dem Artikel Kampf um die Reste von Christian Buttkereit hingewiesen wird: »Immer mehr Menschen sind auf Lebensmittelspenden angewiesen: Doch Tafeln, Foodsharing-Initiativen und Resteläden buhlen verstärkt um die Reste. Das liegt auch an rechtlichen Hürden.« Lesen wir weiter: »Dabei hat das Bewusstsein, Lebensmittel zu spenden, statt zu entsorgen, bei Herstellern und Händlern in den vergangenen beiden Jahrzehnten deutlich zugenommen. So spendet der Handel nach Angaben des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels, BVLH, pro Jahr mindestens 74.000 Tonnen Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen. Was nach viel klingt, ist allerdings nicht viel mehr als die Menge an Lebensmitteln, die an zwei Tagen in Deutschland im Müll landet.« Und der Fortschritt führt unausweichlich zu Nachschubproblemen bei den Abnehmern wie den Tafeln: »Hinzu kommt, dass in den Regalen der Supermärkte immer weniger unverkaufte Lebensmittel zurückbleiben. Kristina Schütz, Sprecherin der Rewe-Group sagt, moderne Prognosesysteme und automatische Bestellverfahren ermöglichten heute eine sehr bedarfsgerechte Versorgung der Märkte mit frischer Ware. „Mittlerweile verkaufen Penny und Rewe im Jahresdurchschnitt über 98 Prozent ihrer Lebensmittel.“« An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass das keineswegs eine ganz neue Entwicklungslinie ist, vgl. dazu bereits vor Jahren die Ausführungen in dem Beitrag Wird die „Vertafelung“ unserer Gesellschaft durch eine unaufhaltsame Effizienzsteigerung auf Seiten der Lieferanten erledigt?, der hier am 19. April 2015 veröffentlicht wurde. Zurück zu dem Beitrag von Buttkereit: »Mehr verkaufen heißt weniger wegschmeißen, aber gleichzeitig auch weniger abgeben. Rewe arbeitet mit den Tafeln seit 1996 zusammen, Penny seit 2007. Weitergegeben würden Lebensmittel, die „bedenkenlos verzehrt werden können“, heißt es. Ergänzend dazu gebe es in ausgewählten Städten eine Zusammenarbeit mit dem Verein Foodsharing e.V. oder vergleichbaren lokalen Vereinen und Einrichtungen. „Die Zusammenarbeit mit den Tafeln hat für uns bundesweit Priorität,“ sagt Kristina Schütz. Bei den Tafeln weiß man das zu schätzen. Denn dass auch durch Sozialunternehmen oder Foodsharing-Initiativen, die sich gerne als „Lebensmittelretter“ bezeichnen und sogenannten Rettungsläden, die häufig abgelaufenen Lebensmittel günstig weiterverkaufen, für manche Tafeln weniger übrig bleibt, sei ein Fakt, bestätigt Tafel-Sprecherin Anna Verres. „Dabei sind wir die einzigen, die den sozialen Aspekt konsequent beachten.“ Denn wer zur Tafel kommt, muss seine Bedürftigkeit belegen, etwa mit einem Einkommensnachweis.« Und an dieser Stelle muss man wieder einmal die problematische Rolle des Rechts zur Kenntnis nehmen: »Ein Grund, warum manche Einzelhändler Lebensmittel eher den Foodsharing-Initiativen geben, sei eine Rechtsunsicherheit, sagt Sabine Altmeyer-Baumann vom Tafel-Landesverband Rheinland-Pfalz/Saarland. Denn die Tafeln würden vor dem Gesetz wie Lebensmittelhändler behandelt. „Foodsharer gelten dagegen als Privatpersonen,“ sagt Verres vom Tafel-Bundesverband. Sollte es durch den Verzehr beispielsweise eines verdorbenen Joghurts Probleme geben, wäre die Tafel in der Haftung … Obwohl also die Tafeln in der Haftung wären, würde sich jemand den Magen verderben, seien manche Händler zurückhaltend, wenn es darum gehe, Ware mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum den Tafeln geben.« Und es geht noch weiter: »Rechtliche Schwierigkeiten drohen laut Handelsverband BVLH auch, wo die Füllmenge eines gespendeten Lebensmittels aufgrund eines Produktionsfehlers von der Packungsangabe abweicht oder das Zutatenverzeichnis zwar vollständig, aber nicht in der richtigen Reihenfolge ist. Tafeln sind dann in der Pflicht, die Etiketten zu ändern. Dazu sind sie aber personell oft gar nicht in der Lage.« Deutschland halt.
Und schlussendlich werden wir auch hier wieder konfrontiert mit einem typischen Vorgehen der Politik: »Ein Bund-Länder-Gremium soll Gesetzgebungen hinsichtlich Hürden und Barrieren beispielsweise bei der Weitergabe von Lebensmitteln überprüfen. Schließlich ist in der „Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ vorgesehen bis 2030 die Vernichtung von Lebensmitteln um die Hälfte zu reduzieren.«

Nun könnten Berufsskeptiker einwenden, dass es sowieso keine „verlässliche“ Unterstützung der Tafeln geben wird – das kennt man doch aus anderen Sozialbereichen. Sondern wenn, dann wird es einen weiteren dieser Flickenteppiche geben, den wir auf der kommunalen Ebene so oft vorfinden. Das würde übrigens den Systemwechsel noch problematischer werden lassen, denn das räumlich gesehen sowieso nicht gleichverteilte Netz an Tafeln würde dann auch noch erhebliche Unterschiede ausprägen, je nach lokaler/regionaler (Nicht)Unterstützung.

Wie sieht es aktuell aus? Die einen bewegen sich in die Richtung auf eine punktuelle bis strukturelle Unterstützung der Tafeln, bei den anderen tut sich gar nichts.

Ein Beispiel für Bewegung in Richtung Unterstützung der Tafeln: Energiekrise: Niedersachsen erhöht Förderung für Tafeln: »Wegen der weiter steigenden Kosten hat das niedersächsische Sozialministerium die Projektförderung für den Landesverband der Tafeln von 8.000 auf 50.000 Euro erhöht. Weitere Zuschüsse seien geplant … Parallel zu dem höheren Zuschuss für den Landesverband Niedersachsen/Bremen plane das Sozialministerium in Hannover weitere Mittel zum Aufbau von Logistikzentren ein. Die Zentren sollen es ermöglichen, große Spenden besser lagern und an die landesweit 160 Tafeln verteilen zu können. Zudem solle es Geld für die Werbung von ehrenamtlichen Mitarbeitern geben, hieß es weiter.« Und aus Ostdeutschland wird ebenfalls über eine punktuelle Unterstützung berichtet: Tafeln in Brandenburg erhalten finanzielle Hilfe: »Die Lebensmittel-Tafeln in Brandenburg erhalten angesichts gestiegener Belastungen eine kurzfristige Hilfe von 120.000 Euro. Die Regierung reagiert damit auf die angespannte Lage infolge der Energiekrise und der hohen Inflation. Das Geld wird aus Lottomitteln zur Verfügung gestellt, wie das Sozialministerium am Montag mitteilte. In Brandenburg und Berlin gibt es mehr als 40 Tafeln … Für jede Einrichtung sind laut Ministerium etwa 3.000 Euro vorgesehen.« Übrigens ist das keine neue Förderschiene: »Eine Förderung aus Lottomitteln, etwa zur Beschaffung von Kühlfahrzeugen, konnten die Tafeln auch bislang schon erhalten.« Und auch hier taucht sie wieder auf, die Grundsatz- bzw. Systemfrage: »Die Tafeln finanzieren sich vor allem über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Direkte Zuschüsse des Landes erhalten sie nicht. Die Brandenburger Landesregierung lehnte im Mai einen Antrag der Linken ab, die Tafeln mit einer Grundförderung zu unterstützen. Der Staat dürfe neben der Grundsicherung keine konkurrierenden Hilfesysteme aufbauen, hieß es als Begründung. „Der Sozialstaat zahlt Regelsätze – und gibt keine Almosen“.«

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