Einkommensungleichheit zwischen Wohlhabenden und Habenichtsen erreicht eine nie dagewesene Dimension.

Verarmungspolitik

Bei Armut weltmeisterlich

Studie bescheinigt Deutschland rasant wachsende Verelendung. Pandemie und Preisexplosion sind dabei noch gar nicht berücksichtigt
 
Von Ralf Wurzbacher jw 25.11.2022

Flasche leer im Fußball, aber volle Pulle bei der Produktion von Elend. Laut einer aktuellen Studie ist die Zahl der Deklassierten und Abgehängten in Deutschland drastisch angestiegen. Der finanzielle Rückstand von Haushalten unter der Armutsgrenze gegenüber dem mittleren Einkommen ist demnach binnen nur zehn Jahren um ein Drittel gewachsen. Ein weiterer Befund des am Donnerstag veröffentlichten Verteilungsberichts des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung: Im Jahr 2019, bis zu dem entsprechende Daten vorliegen, erreichte auch die Einkommensungleichheit zwischen Wohlhabenden und Habenichtsen eine nie dagewesene Dimension.

»Armut und soziale Polarisierung können die Grundfesten unseres demokratischen Miteinanders ins Wanken bringen, vor allem dann, wenn sie sich verfestigen«, warnte WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch in einer Medienmitteilung. Sie verwies darauf, dass nur noch 59 Prozent der Betroffenen von der real existierenden Demokratie meinen, sie funktioniere gut. Zwei von zehn lehnen sie mehr oder weniger ab. Am größten ist der Frust in Ostdeutschland: Dort waren vor drei Jahren 18 Prozent der BRD-Gesamtbevölkerung, aber 29 Prozent der Armen beheimatet. Frauen sind im Verhältnis häufiger arm, ebenso Menschen mit Migrationshintergrund. Vergleichsweise schlechter geht es außerdem Älteren ab 55 Jahren und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren.

In die Auswertung kamen Daten des »Sozioökonomischen Panels« (SOEP), für das jährlich rund 16.000 Haushalte interviewt werden, sowie die Böckler-Lebenslagenuntersuchung, in deren Rahmen 2020 und 2021 gut 4.000 Menschen befragt wurden. Gemäß SOEP stieg die Armutsquote in der zurückliegenden Dekade von 14,3 auf 16,8 Prozent und damit um 17,5 Prozent. Die Quote derer mit weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens zog gar um 40 Prozent an, von 7,9 auf 11,1 Prozent. 2010 fehlten den finanziell Schwachen im Jahr noch rund 1.000 Euro, um über die Armutsgrenze zu gelangen, 2019 waren es knapp 4.000 Euro. Im Schnitt hätten die fraglichen Einpersonenhaushalte »mit nur wenig mehr als 10.000 Euro« zurechtkommen müssen, heißt es in dem Report, der den Titel »Armut grenzt aus« trägt.

Tatsächlich fällt dessen Betrachtungszeitraum in eine Phase, in der es mit der deutschen Wirtschaft sogar bergauf ging, was einmal mehr belegt, wie Profitraten vom allgemeinen Wohlstandsniveau entkoppelt sind. Vor drei Jahren kletterte der Gini-Koeffizient als Indikator für Ungleichheit auf ein nie dagewesenes Level. Das alles war vor Corona, Rekordinflation und Energiekrise. In diesem Lichte erscheint den WSI-Forschern eine inzwischen weiter zugespitzte Polarisierung »sehr plausibel«. So habe eine Umfrage aus dem August ergeben, dass sich Geringverdiener mit unter 2.000 Euro netto Monatslohn zu zwei Dritteln bei den Ausgaben für Bekleidung und nahezu 35 Prozent bei denen für Lebensmittel einschränken wollen. Der Spardruck reiche zudem »deutlich in die Mittelschicht hinein«.

Die Studie hebt auch auf die Folgen von Armut ab: »Lebenszufriedenheit, Qualität der Gesundheit, Bildung und Qualifikationen sind niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt, ebenso das Vertrauen in staatliche Institutionen von der Bundesregierung bis zu Polizei und Gerichten«. Empörend: Arme Frauen sterben im Mittel vier und Männer acht Jahre früher als Gutbetuchte.

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