Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im März 2023 um 22,3 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Preisauftrieb für Nahrungsmittel hat sich damit sogar noch weiter verstärkt (Februar 2023: +21,8 %; Januar 2023: +20,2 %) und liegt mittlerweile dreimal so hoch wie die Gesamtteuerung.

Von hungrigen Produzenten, einer „klebrigen“ Preissteigerung bei Lebensmitteln und den Abweichungen von der durchschnittlichen Inflationsrate

Endlich geht sie wieder zurück, die Inflationsrate. Das werden viele gedacht haben, als das Statistische Bundesamt am 13. April 2023 berichtet hat: »Die Inflationsrate in Deutschland − gemessen als Veränderung des Verbraucherpreisindex (VPI) zum Vorjahresmonat – lag im März 2023 bei +7,4 %. Im Januar und Februar 2023 hatte die Inflationsrate noch bei jeweils +8,7 % gelegen.« Und weiter: „Die Inflationsrate hat sich abgeschwächt, bleibt jedoch auf einem hohen Niveau“, so Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes. Die dann noch Wasser in den Wein gießt: „Für die privaten Haushalte fielen im März die erneut höheren Preise für Nahrungsmittel besonders ins Gewicht.“

Denn Durchschnittswerte sind das eine. So wie die 7,4 Prozent Preissteigerungsrate im März 2023. Die andere Seite der Medaille sind die Preissteigerungsraten bei bestimmten Produktgruppen – und neben den Lebensmittelpreisen waren und sind vor allem die Energiepreise besondere Inflationstreiber. Zu den Energiepreisen, bei denen sich ein rückläufiger Trend zeigt, erfahren wir: »Im Einzelnen verteuerte sich von März 2022 bis März 2023 die Haushaltsenergie mit +21,9 % nach wie vor besonders stark.«

Aber bei dem anderen gewichtigen Preistreiber ist noch keinerlei Entspannung in Sicht, ganz im Gegenteil: »Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im März 2023 um 22,3 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Preisauftrieb für Nahrungsmittel hat sich damit sogar noch weiter verstärkt (Februar 2023: +21,8 %; Januar 2023: +20,2 %) und liegt mittlerweile dreimal so hoch wie die Gesamtteuerung. Wie bereits in den vorherigen Monaten wurden auch im März 2023 bei allen Nahrungsmittelgruppen Preiserhöhungen beobachtet.«

Die Inflation trifft alle, aber nicht alle gleich …

Die 7,4 Prozent durchschnittlicher Verbraucherpreisanstieg sind nicht nur ein Durchschnittswert, um den herum die Preissteigerungen für bestimmte Güter und Dienstleistungen erheblich schwanken (können), sondern die Inflationsrate ist eben nur ein Durchschnitt über alle, der die Streuung der Preissteigerungsraten für bestimmte Personengruppen erst einmal verdeckt, wenn man diese nicht explizit offenzulegen versucht. Einen solchen Versuch liefert seit Monaten der regelmäßig veröffentlichte „IMK Inflationsmonitor“ des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).

➔ Sebastian Dullien und Silke Tober (2023): IMK Inflationsmonitor. Inflationsrate im März 2023 deutlich geringer, Inflationsunterschiede zwischen Haushalten weiter hoch. IMK Policy Brief Nr. 148, Düsseldorf: Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), April 2023

Dem kann man entnehmen: Seit Februar 2022 haben einkommensstarke Alleinlebende die geringste Teuerungsrate, während einkommensschwache Familien im vergangenen Jahr durchgängig die höchste Inflationsrate hatten und in den ersten beiden Monaten 2023 zusammen mit einkommensschwachen Alleinlebenden.

Zur aktuellen Situation erfahren wir: »Da der Anteil von Nahrungsmitteln und Haushaltsenergie an den Konsumausgaben stark einkommensabhängig ist, bleibt die Spanne der haushaltsspezifischen Teuerungsraten mit 2,4 Prozentpunkten hoch … Dabei hatten einkommensschwache Alleinlebende, die nur wenig von den rückläufigen Kraftstoffpreisen profitierten, mit Abstand die höchste Inflationsrate (8,7 %), einkommensstarke Alleinlebende mit 6,3 % die niedrigste. Besonders ausgeprägt ist weiterhin der Unterschied bei der kombinierten Belastung durch die Preise von Nahrungsmitteln und Haushaltsenergie.«

Eine der wichtigsten Aussagen: Nahrungsmittelpreise dominieren im März 2023 erneut die Inflationsunterschiede zwischen den Haushaltsgruppen. Das verdeutlicht die folgende Abbildung:

Die unterschiedlichen Auswirkungen sind erheblich: Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln haben 4,0 Prozentpunkte zur haushaltsspezifischen Inflationsrate des einkommensschwachen Paarhaushalts mit Kindern beigetragen, verglichen mit 2,5 Prozentpunkten bei einkommensstarken Familien und 1,4 Prozentpunkten bei einkommensstarken Alleinlebenden. Einkommensschwache Alleinlebende verzeichneten einen Inflationsbeitrag von 3,8 Prozentpunkten, da der Anteil von Nahrungsmitteln an ihrem Warenkorb deutlich höher ist als bei einkommensstarken Alleinlebenden.

Was aber treibt die Lebensmittelpreise? Von Kosten- und Gewinnsteigerungen

Die lebensmittelproduzierenden Unternehmen sowie der hochgradig konzentrierte Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland (mehr als 80 Prozent des Umsatzes entfallen auf die Big Four, also Edeka, Rewe, Aldi und Lidl) geben halt die Kostensteigerungen, die sie selbst haben, an die Abnehmer weiter. Könnte man meinen. Aber seit geraumer Zeit wird immer wieder der Aspekt einer „Gewinn-Preis-Spirale“ in die Debatte gebracht, die ansonsten von der (bislang) mehr als wackeligen bzw. falschen Vorstellung einer „Lohn-Preis-Spirale“ (vgl. zu beiden Aspekten ausführlicher den Beitrag Zwischen der Theorie einer „Lohn-Preis-Spirale“ und der Realität von Reallöhnen auf dem Sinkflug vom 5. April 2023).

Nun hat sich die volkswirtschaftliche Forschungsabteilung der Allianz Trade mit einigen interessanten Aspekten speziell zur Preisentwicklung bei Lebensmitteln zu Wort gemeldet. Die Überschrift ist deutlich: Steigende Lebensmittelpreise trotz sinkender Inflation – Lebensmittelhersteller holen Gewinne nach. »Obwohl die Gesamtinflation in Europa – vor allem getrieben durch den Rückgang bei der Energieinflation – zuletzt zurückgegangen ist, bleiben Lebensmittelpreise in Europa weiterhin hoch. Die Inflation bei Nahrungsmitteln, Alkohol und Tabak hat sich in Europa im Jahresvergleich sogar … auf knapp 15 % im ersten Quartal 2023 erhöht. In Deutschland war der Anstieg im gleichen Zeitraum sogar noch stärker … auf über 22 %.«

Hervorgehoben wird die besondere Bedeutung der Lebensmittelpreissteigerungen für das Inflationsgeschehen: „Lebensmittelpreise sind aktuell allerdings einer der Haupttreiber der Gesamtinflation. Sie machen fast ein Drittel der Teuerung aus und in Deutschland sogar über 40 % – im letzten Jahr war es noch weniger als ein Fünftel.“

Die Volkswirte der Allianz Trade sprechen von einer „klebrigen“ Lebensmittelinflation. Die Inflation bei Nahrungsmitteln dürfte 2023 in Deutschland bei durchschnittlich über 12 Prozent bleiben – und damit deutlich höher als in anderen europäischen Ländern (es wird als Erklärungsversuch darauf hingewiesen, dass es „durch die hohe Dichte an Discountern und dem hohen Anteil an verarbeiteten und verpackten Lebensmitteln“ dafür strukturelle Gründe geben würde). Und Entwarnung kann nicht gegeben werden: »Einen langsamen Abwärtstrend sehen die Allianz Trade Experten erst ab Mitte 2024.« Wobei man nicht annehmen sollte, dass die Preise dann wieder runter gehen: „Allerdings bedeutet das in vielen Fällen eher eine Stagnation der Preise. Durchgesetzte Preiserhöhungen werden erfahrungsgemäß nur selten zurückgenommen.“

Woher kommt die Teuerung der Lebensmittel? »Die globalen Rohstoffpreise sind es schon mal nicht: Sie haben sich zuletzt deutlich abgekühlt und sind von ihren Höchstständen im Jahr 2022 stark zurückgegangen.« Also muss man weitersuchen:

„Tatsächlich sind die Betriebskosten der Lebensmittelproduzenten und -einzelhändler ein Grund für das wachsende Ungleichgewicht zwischen vorgelagerten Rohstoff- und nachgelagerten Lebensmittelpreisen – allerdings nicht der einzige“, sagt Aurélien Duthoit, Branchenexperte bei Allianz Trade. „Wir beobachten auch, dass insbesondere Lebensmittelhersteller hungrig nach Profiten sind. Sie haben die Preise wesentlich stärker erhöht als die Einzelhändler.“ Diese übermäßigen Gewinnmitnahmen der Unternehmen tragen auch einen kleinen, aber trotzdem bedeutenden Anteil zur Lebensmittelinflation im vergangenen Jahr bei … „Seit Mitte Mai 2022 können etwa 10 % der Verteuerung der Lebensmittel in Europa in unserem Inflationsmodell nicht durch die historische Dynamik, Erzeuger- und Energiepreise erklärt werden“ … „Das ist deutlich mehr als vor der Pandemie und dem Ukraine-Krieg. Damals lag dieser ‚unerklärte Teil‘ bei weniger als 3 %. Noch eklatanter ist die Situation in Deutschland: Mehr als ein Drittel des jüngsten Anstiegs der Lebensmittelpreise hierzulande können nicht mit den traditionellen Risikotreibern erklärt werden. Es scheint zunehmend Anzeichen für Gewinnmitnahmen zu geben.

Es wird dann noch differenziert zwischen den Produzenten und dem Einzelhandel: »Einzelhändler haben die meisten – wenngleich nicht alle – ihrer Kosten an die Kunden weitergegeben: Allein im Jahr 2022 erhöhten die Lebensmittelproduzenten ihre Preise um +17 % (Deutschland: 18,8 %) gegenüber dem Vorjahr Lebensmitteleinzelhandel hingegen um +12 % (Deutschland: 12,6 %). Die Finanzzahlen der börsennotierten Lebensmitteleinzelhändler bestätigen, dass die Kosten Anfang 2022 schneller stiegen als der Umsatz, wobei die Bruttomargen schrumpften und unter das Niveau von vor der Pandemie fielen.«

Diese Preisentwicklung trifft wie dargestellt die Millionen Menschen im unteren Einkommensbereich überdurchschnittlich hart – sie hat aber auch generell gesamtwirtschaftliche Folgen, worauf die Ökonomen von Allianz Trade hinweisen: »Die anhaltende Teuerung bei den Lebensmitteln hat auch Auswirkungen auf den Binnenkonsum. „Wenn die Verbraucher mehr für Lebensmittel bezahlen, geben sie weniger Geld für andere Dinge aus, was eine wirtschaftliche Erholung verlangsamen könnte“ … „Ein weiterer Anstieg der Lebensmittelpreise um 20 % könnte zu einem Rückgang der Konsumausgaben um fast 1 Prozentpunkt führen.“«

Auf der dunklen Seite der Medaille sind dann solche Meldungen zu verzeichnen: »Die Lebensmittelpreise bringen die Ärmsten in Not. In Berlin sind 1000 Menschen zu einer Spendenaktion der Arche gekommen. Gründer Bernd Siggelkow sieht das Hilfswerk am Ende seiner Möglichkeiten. Auch die Tafeln sind überlastet«, berichtet Till Eichenauer unter der Überschrift Lange Schlangen bei der Essensausgabe: Arche-Chef warnt vor Hungerkrise in armen Familien. Und zu den Tafeln vgl. bereits den Beitrag Lange Schlangen, leere Regale – und schon 2020 sollen es 1,1 Millionen Menschen gewesen sein, die sie nutzen, 2022 zwei Millionen. Die Tafeln im Spagat zwischen fragiler Zusätzlichkeit und übergriffiger Funktionalisierung, der hier am 7. Oktober 2022 veröffentlicht wurde.

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