{"id":339,"date":"2018-07-07T09:07:04","date_gmt":"2018-07-07T07:07:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herner-sozialforum.de\/?p=339"},"modified":"2018-07-17T12:05:10","modified_gmt":"2018-07-17T10:05:10","slug":"neue-studie-zu-armut-wie-gross-die-unterschiede-ausfallen-das-hat-uns-dann-doch-ein-wenig-ueberrascht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herner-sozialforum.de\/aktuell\/?p=339","title":{"rendered":"Neue Studie zu Armut: &#8222;Wie gro\u00df die Unterschiede ausfallen, das hat uns dann doch ein wenig \u00fcberrascht.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ein Verdiener reicht heute in vielen F\u00e4llen kaum noch aus, um die Familie vor Armut zu bewahren. Ist die Mutter in einer Paarfamilie l\u00e4nger nicht erwerbst\u00e4tig, leben 32 Prozent der Kinder dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervor. Noch gravierender ist die Situation, wenn die Mutter alleinerziehend und arbeitslos ist: Dann liegt der Anteil bei 96 Prozent. Im NachDenkSeiten-Interview gehen die beiden Sozialwissenschaftler Claudia Wenzig und Torsten Lietzmann n\u00e4her auf ihre Studie ein und betonen, dass der Kampf gegen Armut ein zentrales Thema ist und bleibt. Von Marcus Kl\u00f6ckner.<\/p>\n<p>Sie haben sich gerade in einer Studie mit \u201eArmutslagen\u201c in Deutschland auseinandergesetzt. Sind Familien besonders von Armut bedroht, wenn nur ein Elternteil arbeitet?<\/p>\n<p>Torsten Lietzmann: Aus vielen Untersuchungen wei\u00df man, dass die Erwerbssituation in einem Haushalt ein wichtiger Einflussfaktor f\u00fcr die Armutsgef\u00e4hrdung ist. Wir haben uns dies in unseren Analysen daher genauer angesehen und haben in einem F\u00fcnf-Jahres-Zeitraum sowohl die Einkommenslagen eines Haushaltes als auch die Erwerbsbeteiligung untersucht. Zus\u00e4tzlich haben wir noch unterschieden zwischen Kindern in Paar-Familien und Kindern, die nur mit einem Elternteil zusammenleben. Auch in unserer Untersuchung zeigt sich der starke Zusammenhang zwischen der Erwerbssituation der Mutter und den Armutslagen von Kindern.<!--more--><\/p>\n<p>Zu welchen Ergebnissen sind Sie in Ihrer Studie gekommen?<\/p>\n<p>Torsten Lietzmann: In Paarfamilien beispielsweise leben nahezu alle Kinder in einer abgesicherten Lage, wenn die Mutter dauerhaft Vollzeit oder Teilzeit oder geringf\u00fcgig arbeitet. Wenn sie dauerhaft nicht erwerbst\u00e4tig ist, \u00e4ndert sich das Bild. 32 Prozent der Kinder sind dann in einer dauerhaften oder wiederkehrenden Armutslage.<\/p>\n<p>Was haben Sie noch herausgefunden?<\/p>\n<p>Claudia Wenzig: In Ein-Eltern-Familien h\u00e4ngt das Armutsrisiko von Kindern noch st\u00e4rker an der Erwerbst\u00e4tigkeit der M\u00fctter. Nur wenn eine alleinerziehende Mutter \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum in Vollzeit erwerbst\u00e4tig ist, also mehr als 30 Wochenstunden, kann in den meisten F\u00e4llen verhindert werden, dass ihre Kinder in einer dauerhaften Armutslage aufwachsen. Ist eine alleinerziehende Mutter nicht erwerbst\u00e4tig, wachsen ihre Kinder fast immer in einer dauerhaften oder wiederkehrenden Armutslage auf \u2013 der Anteil betr\u00e4gt dann 96 Prozent.<\/p>\n<p>Gibt es weitere Befunde?<\/p>\n<p>Claudia Wenzig: Nicht nur f\u00fcr Kinder, die in einem Alleinerziehenden-Haushalt leben oder deren Mutter nicht erwerbst\u00e4tig ist, erh\u00f6ht sich die Wahrscheinlichkeit, dauerhaft in Armut aufzuwachsen: Gleiches zeigt sich auch f\u00fcr Kinder mit mehr als zwei Geschwistern, f\u00fcr Kinder mit einem Migrationshintergrund oder f\u00fcr Kinder mit gering qualifizierten Eltern.<\/p>\n<p>Wie zeigen sich denn die Armut in diesen Familien?<\/p>\n<p>Torsten Lietzmann: Im f\u00fcnfj\u00e4hrigen Beobachtungszeitraum lebten rund zwei Drittel aller Kinder in einer abgesicherten Lage, das hei\u00dft sie bezogen keine Grundsicherungsleistungen und das Haushaltseinkommen lag \u00fcber der so genannten 60-Prozent-Armutsrisikoschwelle. Andererseits machte circa ein Drittel aller Kinder unterschiedlich intensive Armutserfahrungen, die wir anhand von vier typischen Mustern charakterisiert haben. Erstens \u201eDie dauerhaft nicht Gesicherten\u201c, die gr\u00f6\u00dftenteils im Grundsicherungsleistungsbezug leben und zus\u00e4tzlich armutsgef\u00e4hrdet sind. Dies waren rund zw\u00f6lf Prozent aller Kinder. Zweitens die Kinder im dauerhaften Leistungsbezug, deren Haushalte mit den Grundsicherungsleistungen ein Einkommen zur Verf\u00fcgung haben, das oberhalb der Armutsrisikoschwelle liegt \u2013 rund sechs Prozent der Kinder. Drittens die Gruppe der Kinder in einer \u201eprek\u00e4ren Einkommenslage\u201c, rund vier Prozent. Sie leben h\u00e4ufig in Einkommensarmut, kurzzeitig kann das Einkommen knapp \u00fcber der Armutsrisikoschwelle liegen. Ihnen gelingt aber nur selten ein dauerhafter Aufstieg in eine abgesicherte Lage. Und viertens die Gruppe \u201etempor\u00e4r nicht gesichert\u201c \u2013 rund zehn Prozent. Diese Armutslage ist gekennzeichnet durch Wechsel zwischen finanziell gesicherten Episoden und kurzzeitig auftretenden Armutsepisoden.<\/p>\n<p>Welche Auswirkungen ergeben sich aus dieser Armutssituation?<\/p>\n<p>Claudia Wenzig: Wir haben untersucht, wie sich die Armutslage auf den Lebensstandard auswirkt und auf was Kinder in Armut verzichten m\u00fcssen. Um solche Verzichtserfahrungen greifbar zu machen, wurde f\u00fcr 23 G\u00fcter und Aspekte sozialer Teilhabe abgefragt, ob diese in den Familien aus finanziellen Gr\u00fcnden fehlen. Die Liste umfasst eine ausreichend gro\u00dfe Wohnung, eine Waschmaschine oder einen internetf\u00e4higen Computer, aber auch die M\u00f6glichkeit, monatlich einen festen Betrag sparen zu k\u00f6nnen. Auch Aspekte sozialer und kultureller Teilhabe sind ber\u00fccksichtigt wie beispielsweise eine einw\u00f6chige Urlaubsreise pro Jahr oder ein Kinobesuch.<\/p>\n<p>Es zeigt sich deutlich, dass Kinder in einer dauerhaft nicht gesicherten Armutslage das gr\u00f6\u00dfte Ma\u00df an Unterversorgung aus finanziellen Gr\u00fcnden erleben. Im Durchschnitt fehlen Haushalten mit Kindern dieser Gruppe 7,3 von 23 G\u00fctern aus finanziellen Gr\u00fcnden. Auch bei den Kindern im dauerhaften Leistungsbezug zeigt sich ein relativ hohes Ma\u00df an Unterversorgung. Hier fehlen durchschnittlich 4,9 G\u00fcter. Bei den beiden weiteren Armutsmustern f\u00e4llt die Unterversorgung weniger gravierend, aber dennoch \u00fcberdurchschnittlich aus: Deutlich wird im Vergleich zu den \u00fcbrigen Gruppen auch der h\u00f6here materielle Lebensstandard f\u00fcr Kinder, die dauerhaft in einer abgesicherten Einkommenslage aufwachsen: Sie m\u00fcssen im Schnitt lediglich auf 1,3 der 23 G\u00fcter aus finanziellen Gr\u00fcnden verzichten<\/p>\n<p>Waren Sie von den Ergebnissen Ihrer Untersuchung \u00fcberrascht?<\/p>\n<p>Torsten Lietzmann: Wenn wir an unsere Ergebnisse zu dem Zusammenhang zwischen Erwerbssituation und Armutslage denken, war uns nat\u00fcrlich schon vorher bewusst, dass sich deutliche Unterschiede zwischen Kindern aus Ein-Eltern-Familien und Kindern in Paar-Familien zeigen werden. Wie gro\u00df die Unterschiede ausfallen, das hat uns dann doch ein wenig \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>W\u00fcrden Sie uns bitte etwas zum Datensatz Ihrer Studie sagen?<\/p>\n<p>Claudia Wenzig: F\u00fcr unsere Analysen haben wir auf die repr\u00e4sentative Studie \u201ePanel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung\u201c zur\u00fcckgegriffen, die das Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erhebt. Hier werden seit 2007 j\u00e4hrlich circa 10.000 Haushalte mit ihren Haushaltsmitgliedern in Deutschland befragt. Somit konnten wir \u00fcber 3.000 Kinder f\u00fcr die Analyse ausw\u00e4hlen, f\u00fcr die \u00fcber mindestens f\u00fcnf zusammenh\u00e4ngende Jahre detaillierte Informationen zur Einkommenssituation, zum Grundsicherungsleistungsbezug und zum materiellen Lebensstandard eines Haushaltes enth\u00e4lt. Au\u00dferdem liefert die Befragung f\u00fcr uns wichtige Merkmale zum Haushalts- und Familienkontext sowie Daten zur sozialen Teilhabe von Kindern und Jugendlichen, beispielsweise zu Mitgliedschaft in Vereinen, zum subjektiven Wohlbefinden oder zur Integration in die Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die Studie wurde von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben. Bereits im vergangenen Jahr hat sich das IAB f\u00fcr die Stiftung mit dem Thema Kinderarmut auseinandergesetzt. Wie bewerten Sie es, dass die Stiftung, die doch sehr stark neoliberal ausgerichtet ist, sich so f\u00fcr das Thema Armut interessiert?<\/p>\n<p>Claudia Wenzig: Das bewerten wir nicht. Entscheidend ist f\u00fcr uns, dass wir hier wie bei allen anderen Forschungsarbeiten, die wir durchf\u00fchren, selbstverst\u00e4ndlich v\u00f6llig frei forschen und dann die Ergebnisse publizieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Formulieren Sie auch eine Handlungsempfehlung an die Politik? Oder anders gefragt: Was m\u00fcsste aus Ihrer Sicht unternommen werden, um insbesondere der Kinderarmut entgegenzuwirken?<\/p>\n<p>Torsten Lietzmann: Unsere Ergebnisse zeigen ja, dass es ganz entscheidend darauf ankommt, ob die M\u00fctter arbeiten. Daher sind insbesondere Ma\u00dfnahmen entscheidend, die die Erwerbssituation von M\u00fcttern verbessern k\u00f6nnen \u2013 beispielsweise ein ausreichendes Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen. Wenn man das erh\u00f6hte Armutsrisiko von Kindern mit geringqualifizierten Eltern bedenkt, sind Investitionen im Bildungsbereich, die dazu f\u00fchren, dass m\u00f6glichst viele einen Abschluss erreichen, wichtig \u2013 auch wenn sich das erst auf l\u00e4ngere Sicht auswirkt.<\/p>\n<p>Nun geht Kinderarmut auf die Armut der Eltern zur\u00fcck. Sehen Sie generell die Notwendigkeit vonseiten der Politik, sich st\u00e4rker im Kampf gegen Armut in Deutschland zu engagieren?<\/p>\n<p>Claudia Wenzig: Der Kampf gegen Armut ist und bleibt ein wichtiges Thema. Der aktuelle Koalitionsvertrag benennt zumindest einige Aspekte zur Bek\u00e4mpfung von Armut. Die gilt es nun umzusetzen und weiter zu verfolgen.<\/p>\n<p>https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/fileadmin\/files\/Projekte\/Familie_und_Bildung\/Studie_WB_Armutsmuster_in_Kindheit_und_Jugend_2017.pdf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Verdiener reicht heute in vielen F\u00e4llen kaum noch aus, um die Familie vor Armut zu bewahren. Ist die Mutter in einer Paarfamilie l\u00e4nger nicht erwerbst\u00e4tig, leben 32 Prozent der Kinder dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervor. 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