Einzelhandel: Immer mehr Hartz-IV-Aufstocker – Anstieg um 13% – Jede(r) Zweite in Teilzeit – 40% aller Neueinstellungen befristet – Zunahme der Leiharbeit um 74%

Einzelhandel: Immer mehr Hartz-IV-Aufstocker

Verdi-Kundgebung in Stuttgart zur Tarifrunde im Einzelhandel.(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Die Linke im Bundestag fordert, dass Tarifverträge leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden können, um in der Branche Lohndumping zu verhindern.

Von Detlef Esslinger

Die Linke im Bundestag fordert, dass Tarifverträge „leichter als bisher“ für allgemein verbindlich erklärt werden können. Damit solle unter anderem im Einzelhandel dem Lohndumping ein Riegel vorgeschoben werden, sagte der gewerkschaftspolitische Sprecher der Fraktion, Pascal Meiser, am Donnerstag der Süddeutschen Zeitung. Anlass sind die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage seiner Fraktion und die laufenden Tarifverhandlungen der Branche.

Im Einzelhandel arbeiten derzeit gut drei Millionen Menschen, das sind 240 000 mehr als vor zehn Jahren. Meiser findet diese Entwicklung jedoch allenfalls zum Teil erfreulich. Denn nach Auskunft der Bundesregierung arbeiten mehr und mehr Menschen in der Branche nur Teilzeit. Es sind mittlerweile 49,7 Prozent, während in der Gesamtwirtschaft dieser Anteil nur 28 Prozent beträgt. Vier von zehn Neueinstellungen seien befristet, knapp eine Million Beschäftigte arbeiteten zu Niedriglöhnen. Meiser hat die ihm von der Bundesregierung zur Verfügung gestellten Statistiken ausgewertet und kommt zu dem Schluss: Während in der Gesamtwirtschaft die Zahl derjenigen zurückgegangen sei, die ihren Lohn mit Hartz IV aufs Existenzminimum aufstocken müssten, sei er im Einzelhandel gestiegen, um 13 Prozent, auf 68 000. Und „allein mit den unbezahlten Überstunden“ könnten in der Branche fast 22 000 Stellen geschaffen werden – und zwar Vollzeitstellen.Im Handel laufen seit Monaten Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft Verdi und den regionalen Arbeitgeberverbänden. Verdi fordert im Schnitt eine Tariferhöhung von 6,5 Prozent für zwölf Monate, die Arbeitgeber zum Beispiel in Hessen bieten maximal 2,9 Prozent, allerdings für zwei Jahre. Die Gewerkschaft ruft immer wieder zu Streiks auf, am Donnerstag lud sie vor dem Verhandlungslokal im hessischen Mörfelden-Walldorf zu einer Kundgebung. Allerdings ist ihre Verhandlungsmacht begrenzt. Nur wenige Verkäuferinnen und Verkäufer sind Mitglied, Schätzungen sagen weniger als zehn Prozent. Über die Folgerungen daraus gibt es unterschiedliche Vorstellungen: Der Linken-Politiker Meiser verlangt, die Bundesregierung müsse die Möglichkeit erleichtern, einen Tarifvertrag für allgemein verbindlich zu erklären. Der Handelsverband Deutschland (HDE) wiederum ruft die Gewerkschaft dazu auf, die Tarifverträge zu „modernisieren“. Dann würden sich auch wieder mehr Firmen als bisher an einen Tarifvertrag binden.
Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage von Pascal Meiser (MdB, Die Linke):
Arbeitsbedingungen und Entlohnung im Einzelhandel
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/105/1910575.pdf
Auswertung der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage von MdB Pascal Meiser „Arbeitsbedingungen und Entlohnung im Einzelhandel“

Zusammenfassung

  • Beschäftigung: Der in der letzten Dekade erfolgte Zuwachs der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Einzelhandel (+18% von 2,04 Mio. auf 2,4 Mio. Beschäftigte im Einzelhandel insgesamt) war vor allem auf den Anstieg im Teilzeitbereich zurückzuführen (+58,8% auf 1,2 Mio.); die Teilzeitquote stieg von 37% deutlich auf knapp 50% (s. 1.)
  • AufstockerInnen: Während in der Gesamtwirtschaft die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten AufstockerInnen zurückging, stieg er im Einzelhandel um gut 13% auf gut 68 000; ursächlich dafür war zum einen der Anstieg im Bereich der aufstockenden Teilzeitbeschäftigten (+65% auf jetzt 52 000), zum anderen der Anstieg der aufstockenden Azubis um gut +8% auf knapp 6 000 (s. 3.)
  • Befristungen (ohne und mit Sachgrund) stiegen absolut und prozentual deutlich. Ihr Anteil an allen Beschäftigten im Einzelhandel stieg von 3,1% auf 3,9% (ohne Sachgrund) bzw. von 1,1% auf 1,3% (mit Sachgrund). 40% aller Neueinstellungen sind befristet. (s. 2)
  • Die Leiharbeit wuchs um +74%, der Anteil an der Beschäftigung im Einzelhandel von 0,96% auf 1,55% (s. 4).
  • Überstunden: Im Einzelhandel so viele Überstunden wie 48 791 Vollzeit-Stellen. Bei den Überstunden gab es sowohl in der Gesamtwirtschaft als auch im Einzelhandel ein bemerkenswertes Phänomen: Die geleisteten Arbeitsstunden gingen zw. 2016 und 2017 zurück, aber die bezahlten und unbezahlten Überstunden stiegen absolut (sowohl im Einzelhandel als in der Gesamtwirtschaft); in der Gesamtwirtschaft war der Anstieg bei den bezahlten Überstunden stärker als im Einzelhandel (+57,3%/+51,8%); umgekehrt bei den unbezahlten Überstunden (Gesamtwirtschaft/ Einzelhandel: +24,8%/+28,2%; s. 7).

Allein mit den unbezahlten Überstunden hätten 2017 auf Basis der in diesem Jahr durchschnittlich tatsächlich in Vollzeit geleisteten Arbeitsstunden (1 642,6 h) 21 395 Vollzeitstellen geschaffen werden können; mit allen Überstunden (bezahlt und unbezahlt) sogar 48 791 Stellen (s. 6.)

  • Der Niedriglohnanteil lag lt. aktuellster Angaben von 2014 bei 21,4% in der Gesamtwirtschaft; im Einzelhandel betrug er 36,6%. Mit 976 000 Beschäftigten sind fast eine Mio. im Einzelhandel NiedriglöhnerInnen. In den neuen Bundesländern arbeitete mit 48,9% fast jede/r Zweite zu Niedriglöhnen (s. 9).
  • Die Tarifbindung im Einzelhandel ging zw. 2009 und 2018 weiter von 33% auf 22% zurück (s. 7).
  • Lohn bzw. Gehalt: Bruttomonatsentgelte: Die Mediane der Bruttomonatsentgelte der sozialversicherungsvollzeitbeschäftigten Kerngruppe stiegen zw. 2008 und 2017 im Einzelhandel um 0,8%-Punkte stärker als in der Gesamtwirtschaft. Dennoch wuchs in der letzten Dekade der Betrag, um den die Bruttomonatsentgelte im Einzelhandel gegenüber der Gesamtwirtschaft zurückblieben, um 119 Euro von 625 auf 744 Euro – die Löhne im Einzelhandel koppelten sich damit weiter von der allgemeinen Entwicklung ab (s. 8).

 

Dazu erklärt Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag:

„Es ist nicht akzeptabel, dass mehr als jeder dritte Beschäftigte im Einzelhandel trotz Vollzeit nur einen Niedriglohn bekommt, und das, obwohl die Umsätze und Gewinne in den letzten Jahren allen Unkenrufen zum Trotz unter dem Strich gestiegen sind. Deshalb haben die Verkäuferinnen und Verkäufer meine volle Unterstützung in der laufenden Tarifauseinandersetzung. Die Bundesregierung darf die Verkäuferinnen und Verkäufer in dieser Auseinandersetzung nicht länger alleine lassen und muss zumindest dafür sorgen, dass Tarifverträge leichter für eine ganze Branche für allgemeinverbindlich erklärt werden können und auf diesem Wege auch im Einzelhandel dem Lohndumping ein Riegel vorgeschoben wird.

Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch auch, dass die Probleme im Einzelhandel noch viel tiefgreifender sind. Offensichtlich haben immer mehr Einzelhandelsunternehmen keine Skrupel, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unsichere Beschäftigungsverhältnisse zu pressen. Wer es zulässt, dass immer mehr Beschäftigte unfreiwillig in Teilzeit oder auf Abruf arbeiten müssen, muss sich nicht wundern, wenn sie hinterher ihren Lohn beim Jobcenter aufstocken müssen, um über die Runden zu kommen. Deshalb braucht es dringend einen Rechtsanspruch auf eine arbeitsvertragliche Mindeststundenzahl für Teilzeitbeschäftigte und ein Verbot der unwürdigen Arbeit auf Abruf.“

Ergebnisse im Einzelnen (PDF)

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