„Armut kennt keine Pause und keine Feiertage.“

Armut kennt keine Feiertagspause. Die deutschen Tafeln in der Weihnachtsschleife – und was man von der Tafel-Diskussion in Großbritannien lernen kann

„Dieses Jahr sind im bundesweiten Durchschnitt etwa 50 Prozent mehr Menschen zu den Tafeln gekommen als im Jahr zuvor“, sagt der Bundesvorsitzende der Tafel Deutschland, dem Dachverband von mehr als 960 Tafeln hierzulande … „Wir reden über etwa 2 Millionen Menschen, die zu den Tafeln kommen.“ Das sind Zahlen, auf die auch die Tafeln nicht vorbereitet waren. „Zeitweise hatten in diesem Jahr rund 30 Prozent der Tafeln einen Aufnahmestopp“, sagt er. Es seien einfach zu wenige Lebensmittel und Kapazitäten für zu viele Menschen gewesen. „Mehr als 70 Prozent der Tafeln haben zudem angegeben, dass sie weniger Lebensmittel haben.“ Das sei auch darauf zurückzuführen, dass Supermärkte zielgerichteter bestellten und dadurch weniger überbleibe, das später an die Tafeln gehe.

„Armut kennt keine Pause und keine Feiertage“.

Wahre Worte, die allerdings bereits vor einem Jahr, am 30. Dezember 2022, in diesem Beitrag zitiert wurden: Tafeln am Limit: „Armut kennt keine Pause und keine Feiertage“. Damals war noch Jochen Brühl der Bundesvorsitzende der Tafel Deutschland, dem Dachverband der mehr als 970 Tafeln mit ihren über 2.000 Ausgabestellen. Im Sommer 2023 ist er von Andreas Steppuhn abgelöst worden.

„Auch das Jahr 2023 war ein schwieriges. Die Tafeln sind in einem Dauerkrisenmodus“ – mit diesen Worten wird der neue Vorsitzende pünktlich zum Weihnachtsfest 2023 zitiert: Tafel-Chef Steppuhn: „Rund ein Drittel der Tafeln hat temporäre Aufnahmestopps oder Wartelisten“. »Insgesamt hat rund ein Drittel der Tafeln in Deutschland temporäre Aufnahme­stopps oder Wartelisten. Es gibt auch Tafeln, die die Öffnungszeiten anpassen.« Es liest sich wie eine Dauerschleife aus der sich verfestigenden Mangelwirtschaft.

Und wie es sich für eine Mangelwirtschaft gehört werden wir konfrontiert mit zahlreichen Versuchen, damit umzugehen – was vor allem auf Rationierungstechniken abstellen muss. Dazu beispielsweise das Interview: „Viele Tafeln erhalten weniger Lebensmittel“ mit Sirkka Jendis, der Geschäftsführerin der Tafel Deutschland. Die Tafeln hatten 2022 aufgrund eines geringeren Spendenvolumens seitens des Handels und einer deutlich höheren Nachfrage durch ukrainische Geflüchtete ein schwieriges Jahr. Hat sich diese Entwicklung 2023 fortgesetzt? Dazu Jendis: »Ja, die Lebensmittelspenden sind auch 2023 weiter zurückgegangen. Da wir zwei Seiten einer Medaille sind – also einerseits armutsbetroffenen Menschen helfen und andererseits Lebensmittelverschwendung reduzieren wollen –, begrüßen wir es natürlich, wenn im Handel weniger Lebensmittel auf dem Müll landen. Für die Tafeln vor Ort bedeutet das aber häufig, dass weniger Lebensmittel vorhanden sind. Wenn dann mehr oder zumindest gleich viele Menschen zu den Tafeln kommen, ist für die einzelne Person in der Folge weniger da.«

Über die angesprochenen Entwicklungen wurde hier in den vergangenen Jahren immer wieder ausführlich berichtet. Neben der Tatsache, dass der Handel durchaus immer effizienter und effektiver wird und dadurch die Lebensmittelverschwendung reduziert, werden auch neue Geschäftsmodelle wie Too Good To Go beobachtet. Machen die den Tafeln Konkurrenz in Zeiten eines rückläufigen Spendenaufkommens? Das muss laut Sirkka Jendis differenzierter gesehen werden, denn die Tafel habe »mit vielen Start-ups im Bereich der Lebensmittelverschwendung Kooperationen – sowohl mit Too Good To Go als auch mit Foodsharing. Mit den Start-ups einigen wir uns auf das Prinzip „Tafel first“ mit der Begründung, dass wir im Gegensatz zu den anderen Organisationen ein sozialer Lebensmittelretter sind. Das funktioniert fast immer sehr gut. Darüber hinaus nimmt zum Beispiel Foodsharing auch häufiger Lebensmittel an, die die Tafeln nicht loswerden.«

Und wie sieht es mit den „klassischen“ Rationierungstechniken aus? »Aktuell führt etwa ein Drittel der Tafeln eine Warteliste oder hat einen temporären Aufnahmestopp verhängt.« Außerdem: »Es gibt … eine Tendenz dahin, dass es für die einzelne Person weniger wird.« Jendis habe „das Gefühl“, dass »dass die Tafeln durch kreative Konzepte einigermaßen gut mit der gestiegenen Zahl armutsbetroffener Menschen umgehen können.« Was muss man sich unter „kreativen Konzepten“ vorstellen?

»Dazu zählt beispielsweise, dass Personen nur alle zwei Wochen kommen oder kleinere Pakete erhalten, bestimmte Ausgabestellen an manchen Tagen nur für bestimmte Gruppen – zum Beispiel Familien – öffnen oder Ausgabestellen ihre Öffnungszeiten generell anpassen.«

Und auch bei ihr taucht die seit längerem immer wieder vorgetragene und auch innerhalb der durchaus heterogenen Tafel-Landschaft nicht unumstrittene Forderung nach staatlicher Unterstützung auf. »Vor allem bei der Lebensmittelrettung fordern wir Unterstützung vom Staat. Konkret: in puncto Logistik und der Kooperation mit Herstellern. Immerhin hat sich die Politik das Ziel gesetzt, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren.«

Und der Vorsitzende der Tafel Deutschland, Andreas Steppuhn, wird mit diesen Worten zitiert: »Es benötigt finanzielle Unterstützung des Staates, damit Logistik und Digita­lisierung ausgebaut werden können und somit eine schnellere Rettung von Lebensmitteln gewährleistet wird.« Und dann deutet er das enorme Spannungsfeld an, das sich hier öffnet: »Wir fordern vom Staat wie bereits erwähnt auch finanzielle Unterstützung, damit Tafeln die Arbeit leisten können. Aber immer so, dass wir eine freiwillige Organisation bleiben. Wir werden uns vom Staat nicht verpflichten lassen, irgendetwas zu tun. Aber es ist an der Zeit, dass der Staat die Arbeit der Tafeln mehr würdigt und unterstützt.«

Auch in anderen Ländern gibt es Tafeln – beispielsweise die Food Banks in Großbritannien. Und eine „Tafel-Diskussion“

Blicken wir zurück auf den Anfang des Jahres 2023. Da wurde am 14. Februar 2023 aus Großbritannien berichtet:

Jeder Tag ist ein „Tag des Jüngsten Gerichts“: »Die Regale sollten randvoll mit Bohnen, Suppe und Thunfisch sein … Angela Gardiner gibt zu, dass sie die Vorräte in der Lebensmittelbank noch nie so leer gesehen hat. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Gardiner und zeigt auf die gähnenden Lücken in den blauen Regalen der Canterbury Food Bank, bei der sie als Betriebsleiterin tätig ist. „Normalerweise ist das Regal voll mit Bohnen, aber wir haben kaum noch Konserven. Nach dem Weihnachtsrummel ist der Januar normalerweise ein ruhiger Monat für die Wohltätigkeitsorganisation, in dem die Nachfrage um etwa 40 % zurückgeht. Doch dieses Jahr war es anders. Im Dezember wurde eine Rekordzahl von 1.460 Paketen ausgeliefert, und die Zahl für Januar liegt mit 1.300 nicht weit davon entfernt. Nach dem Rekordergebnis im Dezember sind die Spenden stark zurückgegangen, da die Unterstützer nach Weihnachten ihre Ausgaben einschränken.«

Die Nachfrage ist parallel zur Verschärfung der Lebenshaltungskostenkrise gestiegen. Im Jahr 2021 verteilte die Lebensmittelbank 7.376 Pakete, 2022 waren es 11.539 – ein Anstieg von mehr als 50 % und genug Lebensmittel für mehr als 100.000 Mahlzeiten. Die 1.266 Pakete, die im Januar verteilt wurden, sind fast doppelt so viele wie im gleichen Monat des Vorjahres.

Für die vielen Niedriglöhner gab es zwar Energiehilfen, aber “no corresponding help with food”.

Peter Taylor-Gooby, Sozialpolitik-Professor an der Universität Kent, wird mit dieser Einordnung zitiert: »When food banks were first established in the UK after the 2008-09 financial crisis, most people thought they would outlive their value in two or three years. They are now essential to make life possible for the most vulnerable people in our society.«

Diese auch in Deutschland zu beobachtende Entwicklungslinie der Tafel-Arbeit wird überaus kritisch gesehen. Dazu aus dem März 2023: Expanding food banks is no substitute for tackling poverty, charities warn:

Eine „wachsende Abhängigkeit“ von Lebensmittelbanken in der ganzen Welt birgt die Gefahr in sich, dass eine angemessene staatliche Politik zur Bekämpfung der Armut verhindert wird, so eine gemeinsame Warnung von Wissenschaftlern und Wohlfahrtsverbänden. In einem offenen Brief, der von zahlreichen Organisationen und Wissenschaftlern aus mehreren Ländern unterzeichnet wurde, wird davor gewarnt, dass Lebensmittelbanken keine dauerhafte Lösung darstellen. Sie haben hinzugefügt, dass die geplante Ausweitung der Lebensmittelbanken auf neue Länder das Problem noch verschärfen könnte.

Die außerordentlichen Anstrengungen der Teams der Lebensmittelbanken, die zunehmend von Unternehmen unterstützt werden, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Nahrungsmittelsofortpaket nicht mehr als eine vorübergehende Linderung bewirken kann.

Aber der Tafel-Ansatz hat eine gewaltige Exportgeschichte hingelegt: Alle 38 Mitgliedsländer der OECD stützen sich heute auf ein privatisiertes, karitatives Modell der Nahrungsmittelhilfe, das häufig von ehrenamtlichen Mitarbeitern abhängt. Und internationale Organisationen arbeiten daran, dieses Modell auf andere Länder auszurollen. Davor wird explizit gewarnt:

„Während die Ausweitung der organisierten Umverteilung von überschüssigen Lebensmitteln wie eine Win-Win-Lösung erscheinen mag, scheitert diese Praxis an der Verringerung der Lebensmittelverschwendung und untergräbt gleichzeitig die Maßnahmen zur Bekämpfung der Ernährungsunsicherheit“.

In Großbritannien selbst wurde im Laufe des Jahres 2023 Zahlen veröffentlicht, die mit Blick auf die Tafeln wie in Deutschland von einer „Boom-Branche“ sprechen (vgl. UK food bank charity reports record take-up amid cost of living crisis): »Der Trussell Trust hat in den vergangenen 12 Monaten eine Rekordzahl von Lebensmittelpaketen verteilt, da die Lebenshaltungskostenkrise im Vereinigten Königreich dazu beigetragen hat, dass erstmals mehr als 750.000 Menschen eine Lebensmittelbank aufsuchten. Das Netzwerk der Wohltätigkeitsorganisation verteilte im Jahr 2022-23 fast 3 Mio. Lebensmittelpakete, so viele wie nie zuvor und eine Steigerung von 37 % im Vergleich zum Vorjahr. Mehr als eine Million Kinder lebten in Haushalten, die die Lebensmittelpakete des Trusts erhielten. Eine von fünf Personen, die in diesem Zeitraum eine Trussell-Lebensmittelbank aufsuchten, war erwerbstätig, so die Wohltätigkeitsorganisation. Dies spiegelt die Schwierigkeiten vieler einkommensschwacher Haushalte wider, sich angesichts steigender Energierechnungen und Lebensmittelpreise das Nötigste leisten zu können.« Die Nachfrage nach Lebensmittelspenden »was higher than it had been during the first year of the Covid pandemic, “which we had all assumed was a once-in-a-lifetime level of need”.«

Und (auch) in Großbritannien gibt es eine kritische Diskussion über die Rolle der Tafeln

Der ehemalige Labour-Premierminister Gordon Brown hat davor gewarnt, dass die Lebensmittelbanken zunehmend „den Sozialstaat ablösen“. Er befürchtet, dass der Mangel an staatlicher Unterstützung sie dazu zwingt, eine dauerhafte Rolle bei der Armutsbekämpfung zu übernehmen, so dieser Artikel: Food banks are taking over from the welfare state, warns Gordon Brown aus dem Mai 2023. Da die Lebensmittelbanken zunehmend davor warnen, dass auch Berufstätige Hilfe suchen, entsteht jetzt ein neues „Multibank“-Modell, das Familien mit allem – von Hygieneartikeln bis hin zu Möbeln – hilft. In der Nahrungsmittelhilfe-Bewegung wächst jedoch die Sorge, dass ihre Dienste nicht mehr als letzter Ausweg gelten, sondern zunehmend „normalisiert“ werden. Brown warnt davor, dass die Lebensmittelbanken die wachsende Lücke in der Unterstützung füllen. „In dem Maße, in dem Wohltätigkeitsorganisationen den Wohlfahrtsstaat als nationales Sicherheitsnetz ablösen und die Lebensmittelbanken – und nicht das Sozialversicherungssystem – zur letzten Verteidigungslinie gegen das Elend werden, ist es schwierig, sich nicht um die Zukunft zu sorgen“, so Gordon Brown.

„Wohltätigkeitsorganisationen wie wir werden mehr und mehr zu einem verlängerten Arm des Wohlfahrtsstaates. Das macht mir große Sorgen, denn wir haben nicht die Mittel, um das zu tun. Wir müssen uns um die Multibanken kümmern, weil wir so viele Menschen sehen, die in absoluter Not sind. Aber es ist auch etwas, das ich nicht ewig machen möchte“, so Keely Dalfen, Leiterin der Brick By Brick Multibank in Wigan.

Wie bereits dargestellt, gibt es immer mehr kritische Stimmen, dass eine „wachsende Abhängigkeit“ von Lebensmittelbanken eine angemessene staatliche Politik zur Bekämpfung der Armut zu behindern drohe. Derzeit gibt es im Vereinigten Königreich mehr als 2.500 Lebensmittelbanken.

„Ehrenamtliche Mitarbeiter von Lebensmittelbanken können nicht streiken, aber sie können das Paradoxon anprangern, dass sie unaufhörlich eine immer größer werdende Lücke füllen, die sich einfach nicht schließen lässt“, sagte Sabine Goodwin, Koordinatorin des Independent Food Aid Network. „Es ist wichtig, sich eine Zeit vorzustellen, in der die Teams der Lebensmittelbanken mit ihrem Mitgefühl, ihrer Freundlichkeit und ihrem Durchhaltevermögen den Menschen auf so viele andere Arten helfen können. Die Bereitstellung eines angemessenen Sicherheitsnetzes, das sicherstellt, dass sich die Menschen Lebensmittel leisten können, ist Aufgabe der Regierung und nicht einer Armee von Freiwilligen und Wohlfahrtsverbänden, die zunehmend von Unternehmensinteressen unterstützt werden.“

Helen Barnard vom Trussell Trust, wird mit den Worten zitiert, es sei „zweifellos der Fall“, dass in den letzten Jahren „immer mehr Menschen keine andere Wahl haben, als auf wohltätige Nahrungsmittelhilfe zurückzugreifen“. Und weiter: „Es ist eindeutig inakzeptabel, dass wir als Gesellschaft von wohltätigen, ehrenamtlich geführten Organisationen abhängig werden, um Menschen beim Überleben zu helfen. Das ist nicht die Absicht, die wir haben. Lebensmittelbanken sollten Menschen in einer Notsituation kurzfristig unterstützen. Sie sollten nie eine dauerhafte Lösung für die Armut sein.“

Michael Marmot, der 2010 eine bahnbrechende Studie über gesundheitliche Ungleichheiten geleitet hat (vgl. The Marmot Review: Fair Society, Healthy Lives, 2010), wird mit der Feststellung zitiert, es sei ein „düsteres Bild“, dass Lebensmittelbanken inzwischen so weit verbreitet seien. „Ich würde keine einzige Lebensmittelbank schließen. Ich bin voller Bewunderung für die Organisationen und Einzelpersonen, die das tun. Aber das ist keine langfristige Lösung. In meinem Bericht von 2010 habe ich empfohlen, dass jeder zumindest das Mindesteinkommen haben sollte, das für ein gesundes Leben notwendig ist. Davon sind wir abgerückt.“

Im Sommer wurde dann in dem Beitrag ‘Food banks are not the answer’: charities search for new way to help UK families von einem Beispiel berichtet, bei dem eine Tafel geschlossen wurde: »Vor etwas mehr als einem Jahr, als die Lebenshaltungskostenkrise in vollem Gange war und die Zahl der Notleidenden und Hungernden in ihrem benachteiligten Viertel im Osten Londons in die Höhe schoss, schloss Denise Bentley die Lebensmittelbank, die sie vor mehr als einem Jahrzehnt gegründet hatte. „Es war ein schwieriger Schritt“, sagt sie, „aber wir haben erkannt, dass die Lebensmittelbank nicht die Antwort auf das Problem ist.« Die Schließung war nicht überall beliebt, vor allem nicht bei den örtlichen Behörden, die sich daran gewöhnt hatten, ihre notleidenden Kunden zu Wohltätigkeitsorganisationen zu schicken. Aber 12 Jahre an vorderster Front hatten Bentley gelehrt, dass Lebensmittelbanken unhaltbar waren, ein ausfransendes Pflaster. „Es war Zeit für eine Veränderung“, sagt sie.

In den letzten zehn Jahren hat das Vereinigte Königreich eine massive Ausweitung der Lebensmittellieferungen durch Wohltätigkeitsorganisationen erlebt. Dieser Sektor basiert auf der Vorstellung, dass die Bemühungen von Freiwilligen zusammen mit Tausenden von Tonnen kostenloser überschüssiger Lebensmittel die durch jahrelange Sparmaßnahmen und Kürzungen der Sozialhilfe verursachte explosionsartige Zunahme von Not und Elend sinnvoll bekämpfen könnten. Jetzt wird das alles in Frage gestellt: Haben die Lebensmittelbanken tatsächlich funktioniert?

Auch die Lebensmittelbanken haben zu kämpfen. Die Krise der Lebenshaltungskosten hat zu einer Rekordnachfrage geführt und das Angebot an gespendeten Lebensmitteln verringert. Die Arbeit in den Einrichtungen wird immer stressiger und anstrengender, die Logistik immer aufwändiger und unsicherer, die Warteschlangen länger, die Bedürfnisse der Kunden immer komplexer und unlösbarer.

»Ehrenamtliche Mitarbeiter von Lebensmittelbanken, die ihre lokalen Wohltätigkeitsorganisationen vor einem Jahrzehnt gegründet haben, blicken wehmütig auf den Optimismus zurück, der sie glauben ließ, dass der Bedarf an Lebensmitteln für wohltätige Zwecke nur ein paar Jahre anhalten würde. Stattdessen expandierten sie mit zunehmender Sparsamkeit: Was in Kirchenschränken begann, wurde zu Lagerhäusern mit Gabelstaplern. Aus den intimen Zentren der Gemeinde wurde … „ein Fließband für Lebensmittel“. Viele sind sich bewusst, dass sie vom Staat in das Sozialversicherungssystem integriert wurden, um brutale Leistungskürzungen zu decken und niedrige Löhne zu normalisieren. Ein Leiter der Lebensmittelbank war empört, als ein örtliches Unternehmen nach einer Spende an die Lebensmittelbank ein PR-Foto machen lassen wollte. „Ich schlich mich heran und flüsterte: Drei Ihrer Mitarbeiter haben diese Woche Lebensmittelpakete abgeholt.“«

Die Wachtsumsgeschichte der Food Banks ähnelt denen der Tafeln in Deutschland:

Im Jahr 2010 gab es im Vereinigten Königreich 50 Lebensmittelbanken des Trussell Trust. Zwei Jahre später waren es bereits 200. Derzeit gibt es rund 1.400 Ausgabestellen sowie weitere 1.200 unabhängige Lebensmittelbanken und unzählige Speisekammern und soziale Supermärkte, die subventionierte Lebensmittel anbieten.

Die jüngste Studie des Trussell Trust über Hunger in the UK besagt, dass Mitte 2022 jeder Siebte (14 %) der Bevölkerung, d. h. schätzungsweise 11,3 Millionen Menschen, aufgrund von Geldmangel nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt waren. Doch nur 7 % erhielten Hilfe, was etwa 5,7 Millionen Menschen entspricht. Nahezu zwei Drittel der Hungernden wollten oder konnten keinen Zugang zu karitativen Nahrungsmitteln finden bzw. wussten nicht, wie man an diese Hilfe kommt.

Unterernährung in Großbritannien – Neue Zahlen aus den Krankenhäusern

Mehr als 800.000 Patienten wurden im vergangenen Jahr mit Unterernährung und Ernährungsmängeln ins Krankenhaus eingeliefert, eine Verdreifachung im Vergleich zu vor zehn Jahren, wie aus Zahlen des NHS hervorgeht, die Warnungen vor den verheerenden gesundheitlichen Auswirkungen der Ernährungsunsicherheit hervorrufen, so Hannah Devlin in ihrem Beitrag Surge in number of people in hospital with nutrient deficiencies, NHS figures show. Ärzte sagen, der Trend spiegele ihre klinischen Erfahrungen wider, da immer mehr Patienten gesundheitliche Probleme haben, die auf Armut zurückzuführen sind.

Kamila Hawthorne, Vorsitzende des Royal College of GPs (RCGP), wird mit den Worten zitiert, die Ärzte seien in „moralischer Bedrängnis“, weil sie nur begrenzt helfen könnten. „Es ist nicht so, dass man Geld oder Essen verschreiben kann“, sagte sie.

„Als Nation sollten wir keine unterernährten Kinder haben. Wir sollten keine Kinder mit Rachitis haben. Wir sollten keine Menschen mit Eisenmangel oder zu wenig Folsäure haben“, fügte Hawthorne hinzu. „Man hat das Gefühl, dass das nicht richtig ist; was passiert hier?“ Die RCGP fordert eine Ausweitung der kostenlosen Schulspeisung und eine stärkere Politik zur Verbesserung der Erschwinglichkeit von gesunden Lebensmitteln in Supermärkten … „Es gibt definitiv Fälle, von denen wir hören, dass Eltern auf Mahlzeiten verzichten, damit ihre Kinder essen können. Wir hören von vielen Menschen, die sich an die Lebensmittelbanken wenden, die vorher nie auf die Idee gekommen wären, eine Lebensmittelbank aufzusuchen.“

Der Trend zeigt auch eine deutliche Zunahme der Ernährungsunsicherheit im gleichen Zeitraum: 5,9 % der Erwachsenen gaben an, einen ganzen Tag lang nichts gegessen zu haben, weil sie sich keine Lebensmittel leisten konnten oder keinen Zugang zu ihnen hatten, 15 % der Erwachsenen ließen Mahlzeiten ausfallen und 21 % der Haushalte mit Kindern waren von Ernährungsunsicherheit betroffen, so eine neue Erhebung.

Dabei wird zugleich darauf hingewiesen, dass wir es hier mit einer vielschichtigen Problematik zu tun haben: »Der Zusammenhang zwischen Hunger, Ernährungsunsicherheit und Gesundheit ist komplex: Manche Menschen sind gleichzeitig übergewichtig oder fettleibig und leiden an Mangelerscheinungen, weil ihre Ernährung zwar kalorienreich ist, ihnen aber wichtige Nährstoffe fehlen.«

Und mittendrin die (expandierenden) Food Banks auf der Insel. Und die Tafeln in Deutschland. Und beide sind zugleich zunehmend gefangen in eine fundamentale Diskussion über ihre Rolle in der Gesellschaft und die faktische Instrumentalisierung durch staatliche Institutionen.

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