Armut und AfD-Wähleranteile im Ruhrgebiet: ein Interview mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer

Der Erfolg der AfD im Ruhrgebiet – Wilhelm Heitmeyer im Interview

In Ruhrgebiet | Am 2. November 2017 | Von Michael Voregger (Quelle: correctiv)

„Es müssen sichtbare Veränderungen gerade in den Stadtvierteln von Gelsenkirchen, von Duisburg oder dem Essener Norden erkennbar sein“.

Gelsenkirchen ist die ärmste Stadt Deutschlands und die Hochburg der AfD im Westen. (Herne ist die achtärmste Stadt nach dieser Statistik und hat AfD-Anteile bis zu 26%). Ein Zufall oder gibt es hier einen Zusammenhang? Wilhelm Heitmeyer, 72 ist ein deutscher Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Er war bis 2013 Direktor des Instituts und seitdem ist er dort im Rahmen einer Forschungsprofessur tätig. Seit den 80er Jahren untersucht er Rechtsextremismus, von 2002 bis 2012 lief seine Langzeitstudie zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Weiterlesen

Kinderarmut (SGBII-Betroffenheit) in NRW und im Ruhrgebiet auf neuem Höchststand: in Herne 32,6% aller unter 15-Jährigen im HartzIV-Bezug im Dez.2017, in Herne 29,4% aller unter 15-Jährigen im HartzIV-Bezug im Dez.2015, Steigerung in den letzten beiden Jahren um fast 10 % !

Fast 500.000 Kinder unter 15 Jahren sind in Nordrhein-Westfalen von Armut betroffen. Die Daten der Bundesagentur für Arbeit für den 31.12.2017 zeigen, dass Kinder überdurchschnittlich oft Leistungen nach dem SGB II beziehen, die Armutsquoten bei den Kindern besondeutlich ansteigen und dass Kinder überdurchschnittlich lange Leistungen nach dem SGB II beziehen. Der Vergleich der Altersgruppen zeigt dabei, dass Kinder deutlich häufiger in Armut leben als Erwachsene. Während etwa 12 Prozent der unter 65-Jährigen Regelleistungen nach dem SGB II beziehen, gilt dies für 19 Prozent der unter 15-Jährigen und sogar für 20,5 Prozent der unter 7-Jährigen. Je jünger Kinder sind, desto häufiger sind sie von Armut betroffen.

In Herne erreichte das Ausmass der SGBII-Betroffenheit bei den unter 15-Jährigen einen Wert von 32,6% aller Kinder. Das ist aber nur der Durchschnittswert für die gesamte Stadt Herne. In einzelnen Sozialräumen dürfte diese Zahl bei über 50% liegen. In einem Zählbezirk in Herne lag bereits im Jahr 2013 die Quote bei fast 80% aller Kinder im SGBII-Bezug.

Der KECK-Atlas Nordrhein-Westfalen (Stadt Herne ist dabei) zeigt große Unterschiede zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten; insbesondere im Ruhrgebiet sind die Kinder zunehmend betroffen. Daher sind die gesellschaftlichen Akteure gefordert, ungleiche Lebensbedingungen sichtbar zu machen, zu diskutieren und auf dieser Grundlage Ungleiches ungleich zu behandeln, um die Folgen von Kinderarmut politisch zumindest zu reduzieren.

Das Aufwachsen in Armut ist ein nachweisbares Risiko für die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern. Diese sind unterschiedlich zwischen den Kreisen und kreisangehörigen Städten verteilt.

Der KECK-Atlas für Nordrhein-Westfalen dient dazu, die Armutsbetroffenheit von Kindern in den Kreisen und kreisfreien Städten transparent zu machen und zu vergleichen.

Da es „nirgends wie im Durchschnitt ist“, sind Kenntnisse über die unterschiedlichen Bedarfslagen von Kindern und ihren Familien innerhalb der Kreise, Gemeinden und kreisfreien Städte von zentraler Bedeutung. Der KECK-Atlas ist ein Instrument, mit dem die Ausgangslagen und Rahmenbedingungen im Stadtgebiet auch kleinräumig sichtbar gemacht werden können. Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft erhalten Auskunft über die soziale Lage, Bildung und Gesundheit, Umweltbedingungen oder die vorhandene Infrastruktur in den Stadtteilen. Zurzeit nutzen etwa 30 Kommunen den KECK-Atlas, um unterschiedliche Ausgangslagen transparent zu machen (www.keck-atlas.de).

AK_KECK_Atlas_2018_final

Wer im aktuellen Keck-Atlas die neuesten Zahlen für die einzelnen Städte und Kreise in NRW abrufen will, gehe auf:

https://www.keck-atlas.de/nc/keck/atlas.html?tx_itaohyperion_pi0[selectedCommune]=44&tx_itaohyperion_pi0[action]=index&tx_itaohyperion_pi0[controller]=Atlas

Viele Herner Schüler sind unglücklich – in einigen Stadtteilen geht die Hälfte der Schüler hungrig zur Schule

Quelle: WAZ, Redaktion Herne

Viele Herner Schüler sind laut Umfrage unglücklich

von Martin Tochtrop

Herne.   Sozialwissenschaftler Klaus Peter Strohmeier präsentiert die Ergebnisse einer Studie und ist „schockiert“. Rund 2000 Schüler nahmen teil.
Dass die Kinder in Herne nicht so zufrieden sind wie die in einem beschaulichen Dorf am Starnberger See oder in den kanadischen Bergen, dürfte der Sozialwissenschaftler Klaus Peter Strohmeier schon vor der Anfertigung seiner Studie geahnt haben. Dass die Ergebnisse über das Wohlbefinden an den Schulen und in den Wohnquartieren Hernes aber derart miserabel ausfallen, damit hatte auch der emeritierte Professor nicht gerechnet. „Ich bin schockiert“, sagte er bei der Präsentantion der Studie „UWE“ am Donnerstag in Eickel.

Schüler der siebten und neunten Jahrgänge hatten Fragebögen zu den Komplexen Umwelt, Wohlbefinden und Entwicklung ausgefüllt, nicht von ungefähr in dieser Stadt: „Herne und Gelsenkirchen gelten für mich als die ärmsten Kommunen in Nordrhein-Westfalen“, sagte der Wissenschaftler, der das 200 000 Euro-Projekt im Auftrag der Uni Bochum und gefördert von der Landesregierung durchführte.
Etwa zwei Drittel aller Schüler machten mit, rund 2000 waren es. Herausgekommen sind krasse Ergebnisse, die einen ebenso gravierenden Bedarf an mehr Arbeit mit Lehrern und Eltern an Schulen und ihren Umfeld erkennen lassen: 41 aller befragten Jungen und Mädchen aus dem Siebener-Jahrgang fühlen sich nicht wohl, missachtet, von Lehrern, Eltern und Mitschülern nicht anerkannt. Bei den Neuner-Schülern sind es sogar 44 Prozent. Nur 21 Prozent der Befragten stuften sich selbst als rundum zufrieden ein. In Kanada, wo eine derartige Studie seit Jahren Standard ist, komme man vergleichsweise auf 50 Prozent Zufriedenheit, so Strohmeier.

Dabei gebe es – Namen nennt Strohmeier nicht – große Unterschiede zwischen Schulen und Stadtteilen. Das Wohlfühl-Spektrum hat eine Bandbreite von 30 bis 75 Prozent. Gefragt wurden die Schüler nach Ernährung, Schlaf und Familie, nach Schulerfahrungen, unterstützenden Beziehungen von Erwachsenen, Beziehungen zu Gleichaltrigen und zu organisierten Freizeitaktivitäten.

Konkret zum Beispiel: „Wenn du an eine normale Schulwoche denkst, an wieviel Tagen hast du ein Frühstück?“ Ergebnis: In Stufe 7 bekommen 22,4 Prozent der Kinder nie oder selten ein Frühstück, in Stufe 9 sind es stadtweit 31,6 Prozent, in manchen Vierteln sogar die Hälfte der Schüler, die hungrig zur Schule gehen.

Ganz besonders schockierend findet Strohmeier auch die Antwort auf die Frage „Gibt es an deiner Schule irgendwelche Erwachsene, die dir wichtig sind?“. Nur rund ein Drittel aller Befragten antworte hier mit „ja“.

Bildungs-, Jugend- und Kulturdezernentin Gudrun Thierhoff will in Schulen, aber auch in Kitas nach Maßnahmen suchen, wie man der sozialen Vereinsamung von Kinder entgegensteuern kann. Beim Thema Frühstück beispielsweise: In Kitas und Schulen könne man es gemeinsam zubereiten und gemeinsam einnehmen. Damit das zuhause vielleicht auch einmal geht – irgendwann.

„Das Monitoring-Instrument UWE wird derzeit erstmals in Deutschland erprobt. Dazu arbeiten das Bildungsbüro der Stadt Herne und das Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum in einer Pilotstudie zusammen. Das Projekt wird vom Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (e.V.) gefördert und läuft seit September 2016 bis Ende Juni 2018. Ziel der Projektpartner ist es, das Instrument über die Projektphase hinaus zu etablieren und weiterzuentwickeln. Auch der Transfer auf weitere Kommunen spielt vor diesem Hintergrund eine wichtige Rolle.“ (Zefir)

Wer mehr zum Projekt „UWE“ lesen möchte, hier die Fundstelle im „TransferJournal“ (im Innenteil, ohne Seitenangabe):

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Armutsregion Ruhrgebiet: Tatsachen, Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten – eine Broschüre der Fraktion Die LINKE im Regionalverband Ruhr

Armut, Langzeitarbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung endlich ernsthaft bekämpfen

Linke Positionen zur Entwicklung des Strukturwandels im Ruhrgebiet

Wenn der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland veröffentlicht, wird immer wieder die Verfestigung der Armut im Ruhrgebiet thematisiert. Am drastischsten hat sich hierbei die Armut von Kindern und Jugendlichen im Revier entwickelt. 2013 sprach man davon, dass jedes vierte Kind in der Region in materieller Armut lebt. Die letzte Studie des Kinderhilfswerks Unicef »Faire Chancen für jedes Kind« (hrsg. im Juni 2017), die die Entwicklung der letzten sieben Jahre in den Großstädten Deutschlands in den Blick genommen hat, kommt zu dem Schluss, dass die Hauptstadt Berlin und das Ruhrgebiet den »Spitzenplatz« bei Kinderarmut einnehmen.

Während in Städten wie Leipzig und Dresden die Zahl der von Armut betroffenen Kinder sank, steigt in Städten wie Essen und Dortmund die Zahl der Familien, in denen Kinder in materieller Armut leben. So leben rund ein Drittel der Familien mit Kleinkindern von Hartz IV in diesen beiden Städten. Kinderarmut bedingte Elternarmut.

Insgesamt lebten Ende 2016 – neuere Zahlen liegen uns nicht vor – fast 800.000 Menschen im Ruhrgebiet von Transferleistungen, die meisten nach dem SGB II (Hartz IV). Das ist fast jede/ r sechste Einwohner/ in in der Region. Weiterlesen

„Ein Beitrag gegen Altersarmut aus Sicht der Groko“: RentnerInnen finanzieren Mütterrente mit

Die geplante Mütterrente II wird bei unverändertem aktuellem Rentenwert die Rentenausgaben um jährlich 3,5 Milliarden Euro erhöhen. Begünstigt werden Rentnerinnen mit vor 1992 geborenen Kindern bei mindestens drei Kindern. Nach Berechnungen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) betrifft dies fast ein Viertel aller Rentnerinnen. Simulationsrechnungen zeigen, dass die Mütterrente II über-proportional Rentnerinnen mit niedrigen Haushaltseinkommen zugutekommt, da diese häufiger drei oder mehr Kinder haben. In den unteren 20 Prozent der Einkommensverteilung steigen die Einkommen der begünstigten Rentnerinnen um durchschnittlich sechs Prozent, bei alleinlebenden Frauen ab 75 Jahren um 8,5 Prozent. Die übrigen Rentnerhaushalte werden mit durchschnittlich 0,4 Prozent des Einkommens belastet, da die Reform die Rentenanpassungen der kommenden Jahre reduzieren wird.

Die verringerte Rentenanpassung macht in den nächsten Jahren etwa 40 Prozent des Ausgangs-finanzierungsvolumens der Reform aus – insoweit wird die Reform von der Rentnergeneration mit finanziert. ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen werden durch höhere Rentenbeitragssätze belastet.

Zudem steigt der steuerfinanzierte Bundeszuschuss, was die SteuerzahlerInnen belastet.

Zum DIW-Wochenbericht zum Thema Mütterrente:

DIWWochenberichtMütterrente

Neue Zahlen zu den SGBII-Quoten von Kindern und Jugendlichen (unter 18 Jahre) im Bund und Länder

Erstellt: 11. Juli 2018

(BIAJ) Unkommentierte BIAJ-Tabelle zu unverheirateten Kindern und Jugendlichen (unter 18 Jahre) in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften (Hartz IV) im Dezember 2016 und Dezember 2017 (Bund und Länder). Bei den für Dezember 2017 berechneten SGB II-Quoten in Spalte 5 (Anteil der unverheirateten Kinder und Jugendlichen im Alter von unter 18 Jahren in SGB-Bedarfsgemeinschaften in Spalte 1 an der Bevölkerung im Alter von unter 18 Jahren) handelt es sich um vorläufige SGB-II-Quoten, da bei Erstellung der Tabelle nur die bis Ende 2016 fortgeschriebenen Bevölkerungsdaten vorlagen.

Kinder und Jugendliche in SGB II-Bedarfsgemeinschaften (Hartz IV) – Dezember 2016 und 2017 (Tabelle)

Altersarmut in NRW und in NRW: Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage von Bündnis90-Die Grünen

Deutscher Bundestag Drucksache 18/13420 18. Wahlperiode

Kleine Anfrage
der Abgeordneten Markus Kurth, Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn,
Beate Müller-Gemmeke, Brigitte Pothmer, Corinna Rüffer, Katharina Dröge und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Altersarmut in Nordrhein-Westfalen

Die Arbeitswelt wandelt sich. Das sogenannte Normalarbeitsverhältnis ist zwar noch vorherrschend. Doch gerade im vom Strukturwandel geprägten Nordrhein-Westfalen treten neben geschlossene Erwerbsbiographien zunehmend solche, die erzwungene und manchmal auch freiwillige Brüche aufweisen. Prekäre Beschäftigung ist, insbesondere unter Frauen, alles andere als ein Randphänomen. Neue Formen selbständiger Beschäftigung entstehen, die weder über die Rentenversicherung noch über andere Systeme abgesichert sind. Gleichzeitig verfügen
Frauen oft immer noch nicht über eine ausreichende eigenständige Alterssicherung (vgl. WSI-Datenportale, www.boeckler.de/wsi_51469.htm). Abstiegssorgen und die Angst vor Altersarmut werden somit immer mehr zu ernsten Problemen.

Nicht zuletzt aufgrund der grundsätzlichen Zuständigkeit für das Alterssicherungssystem sowie mit Blick auf § 46a des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch (SGB XII), nach dem der Bund den Ländern die Kosten für Grundsicherungsleistungen in vollem Umfang erstattet, fällt diese Entwicklung auch in den politischen Verantwortungsbereich der Bundesregierung.
Wir fragen die Bundesregierung:

1.
Wie hoch waren nach Kenntnis der Bundesregierung die durchschnittlichen Alters- sowie Erwerbsminderungsrenten im Jahr des Rentenzugangs in den vergangenen fünf Jahren (bitte Geschlechter getrennt ausweisen)

a)in Nordrhein-Westfalen insgesamt,
b)in den Kreisen und kreisfreien Städten Nordrhein-Westfalens?

2.
Wie groß war nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen fünf Jahren die Zahl der Empfängerinnen sowie der Empfänger (bitte Geschlechter getrennt ausweisen) von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung im Alter von mindestens 65 Jahren, und wie groß war jeweils der
Anteil an der Gesamtzahl der Personen in dieser Altersgruppe

a) in Nordrhein-Westfalen insgesamt,
b)in den Kreisen und kreisfreien Städten Nordrhein-Westfalens? …(siehe weiter Kleine Anfrage…)

Und nun für die Interessierten die komplette Anwort der Bundesregierung mit den Zahlen für die einzelnen Städte und Kreise in NRW.

AltersarmutinNRW

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